Ich habe gerade gemerkt, wir sind wohl eine gemeinsam irgendwie verirrte FamilieDoch trotz aller Verirrungen hält uns ein unsichtbares Band zusammen, das selbst die ungewöhnlichsten Momente in ein gemeinsames Abenteuer verwandelt.

Wie schön, dass ich dich habe, sagte Alexander, während er seine Frau umarmte.

Und ich bin glücklich, dass du bei mir bist, erwiderte Liselotte und küsste ihn liebevoll auf die Wange, bevor sie in die Küche eilte, um den frisch aus dem Ofen kommenden Apfelkuchen zu holen.

An ihrem 25. Hochzeitstag feierten Alexander und Liselotte ihre Silberhochzeit im kleinen Familienkreis nur sie und ihre Kinder. Sie hatten zwei Kinder: den Sohn Andreas, der die elfte Klasse besuchte, und die Tochter Klara, die gerade ihr Studium abgeschlossen hatte.

Klara hatte eine eigene Wohnung in der Nähe ihres Arbeitsplatzes gemietet, obwohl das Haus noch genug Platz für alle bot.

Warum willst du in eine eigene Wohnung ziehen? fragte Liselotte. Hier hast du dein Zimmer, wir leben alle zusammen. Wenn du heiratest, ziehst du doch von uns aus.

Mama, ich liebe dich und Papa sehr, und ich weiß, dass ihr mich nicht vertreibt, aber ich möchte doch etwas Eigenständigkeit. Und noch etwas: Deine Kuchen sind so lecker, dass ich Angst habe, zu dick zu werden. Du bist zierlich und isst kaum, und ich muss auf meine Figur achten das geht nicht, wenn ich ständig deine Leckereien esse.

Liselotte lächelte. Klara sah ihr völlig unähnlich. Liselotte war klein, schlank und fast mädchenhaft, während Klara mit langen Haaren und einer eleganten Ausstrahlung die wahre Schönheit der Familie war. Liselotte trug selten Makeup, band ihr Haar meist zu einem lockeren Zopf und kleidete sich dezent.

Alexander war ein stattlicher Mann, groß und kräftig, mit ein paar zusätzlichen Pfunden, die er sich bei den vielen Kuchen seiner Frau zugelegt hatte. Noch in seinen Zwanzigern war er ein echter Schönling, und mit achtundvierzig war er immer noch attraktiv.

Liselotte wusste, dass sie neben ihm nicht besonders auffiel, doch sie hatte längst gelernt, das leise Murmeln hinter ihrem Rücken zu ignorieren, weil sie für Alexander die schönste Frau der Welt war.

***

Als Liselotte Alexander kennenlernte, war sie zwanzig, er zweiundzwanzig.

An jenem Septembermorgen ging Studentin Lotte zur Geburtstagsparty ihrer Kommilitonin Viktoria. Sie hatte ein Geschenk vorbereitet und beschloss, unterwegs noch einen kleinen Blumenstrauß zu kaufen.

Im Blumenladen war nur ein junger Mann, der unschlüssig zwischen Rosen und Pfingstrosen wählte. Die freundliche Verkäuferin, eine junge Dame, schaute ihm mit offensichtlichem Interesse zu. Lotte bemerkte das ebenfalls der junge Mann war äußerst gut aussehend.

So jemand gehört doch ins Kino, dachte Lotte. Vielleicht ist er ja ein Schauspieler.

Der junge Mann bemerkte Lotte und sprach sie an:

Welchen Strauß bevorzugen Sie? Rosen oder Pfingstrosen?

Lotte errötete. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass dieser gut aussehende Mann mit ihr reden würde, doch sie antwortete:

Ich nehme die Pfingstrosen, obwohl die meisten Mädchen Rosen bevorzugen.

Die Verkäuferin fragte neugierig: Und Ihrer Freundin, welche Blumen gefallen ihr?

Der junge Mann erwiderte verwirrt: Meiner Freundin? Ich kaufe die Blumen nicht für meine Freundin, ich kenne gar nicht die Person, für die ich den Strauß kaufe.

Wie bitte? staunte die Verkäuferin und warf einen Blick zu Lotte.

Der junge Mann erklärte: Ein Freund geht zur Geburtstagsparty seiner Cousine und hat mich überredet, mitzukommen. Ich wollte nicht leer ausgehen, also kaufte ich einen Strauß. Jetzt habe ich die Qual der Wahl.

Lotte meinte: Rosen gehen immer, alle Mädchen lieben Rosen.

Mögen Sie Rosen auch? fragte er unsicher.

Lotte senkte den Blick und flüsterte: Ich mag am liebsten Wildblumen, aber Rosen sind auch schön.

Der junge Mann lächelte und erzählte, dass seine Mutter immer, wenn sie aufs Land fährt, einen Strauß Wildblumen mitbringt. Er schätzte die unscheinbare Schönheit der Wiesenblumen, die erst beim genauen Hinsehen ihr Wunder offenbaren.

Er kaufte einen Strauß Rosen, verließ den Laden und lächelte Lotte zu.

Was für ein hübscher junger Mann, bemerkte die Verkäuferin. Ein Lächeln, das Gold wert ist, fast wie ein Künstler.

Lotte kaufte einen kleinen Strauß Chrysanthemen und machte sich auf zum Haus von Viktoria.

Zu ihrer Überraschung sah sie dort den jungen Mann aus dem Blumenladen sein Name war Sascha. Er war mit ihrem Freund Markus, dem Cousin der Geburtstagskinder, gekommen.

Sascha war sichtlich verwirrt, als er Lotte wiedererblickte, und schenkte ihr immer wieder verstohlene Blicke. Sie lächelte verlegen, doch im Laufe des Abends setzten sie sich zusammen und begannen zu reden.

Worüber sie sprachen, erinnerte sich Lotte heute nicht mehr. Sascha stellte Fragen, sie antwortete, er erzählte Geschichten, und sie hörte zu.

Als die Musik einsetzte und die Gäste zu tanzen begannen, bat Viktoria Sascha zu einem Tanz. Er blickte kurz zu Lotte, ging dann aber mit der Geburtstagskind zur Tanzfläche. Kurz darauf kehrte er zu Lotte zurück und begleitete sie nach Hause.

Am nächsten Tag, als Lotte zur Vorlesung ging, sah sie Viktoria nicht einmal an und ignorierte ihr freundliches Hallo. Nach der Vorlesung sprach Lotte Viktoria an, um den Grund zu erfahren.

Was hast du nicht verstanden? funkelte Viktoria wütend.

Was soll ich verstehen? fragte Lotte verwirrt.

Dass Markus dich mit Sascha hierher brachte, um dich zu kennen zu lernen! Ich habe ihn auf Markus Fotos gesehen und fand ihn attraktiv. Du hast den ganzen Abend mit ihm geflirtet und ihn dann zu dir nach Hause mitgenommen! Und jetzt tust du so, als wärst du schüchtern!

Ich habe mit niemandem geflirtet, protestierte Lotte. Ich weiß gar nicht, was Flirten bedeutet. Er hat mich nach dem Ende der Party selbst noch einmal verabschiedet.

Viktoria schnaubte und ging davon, während Lotte völlig perplex zurückblieb.

Sie fragte sich, ob sie wirklich die Freundin verraten und einen Mann weggeschwemmt hätte. War sie vielleicht eine heimliche Zerstörerin? Nein, das konnte nicht sein.

Wie hatte eine unscheinbare Studentin wie sie die Aufmerksamkeit eines so attraktiven Mannes wie Sascha auf sich ziehen können? Viktoria war hübsch, lebensfroh und hatte zahlreiche Verehrer. Lotte hingegen war zurückhaltend und schlicht.

Sascha kam nicht aus der Party, weil er dort viele Leute kannte er suchte einfach ein Gespräch mit der netten jungen Frau aus dem Blumenladen.

Während Lotte nach Hause ging, stand sie vor dem Spiegel, sah ihr Spiegelbild und flüsterte:

Wirklich, wer bin ich und wer braucht mich?

In diesem Moment klingelte das Telefon. Es war Saschas Stimme. Er hatte ihr gestern die Nummer gegeben und war überrascht, dass sie nicht zurückgerufen hatte. Sie verabredeten sich für den Abend am Ufer des Rheinufers.

Als Lotte pünktlich dort ankam, wartete Sascha bereits mit einem Strauß Wildblumen. Sein Lächeln ließ ihr Herz schneller schlagen sie wusste, sie hatte sich verliebt.

So begann die Liebesgeschichte von Liselotte und Alexander. Viele zweifelten, dass die Beziehung halten würde. Mancher sagte, ein so schöner Mann würde sich früher oder später anderen zuwenden. Doch Sascha sah nur noch Lotte. Sie glaubte ihm, ließ die Neider und Bösewichte außen vor.

Ein Jahr nach ihrem Kennenlernen heirateten Alexander und Liselotte. Kein Tag verging, an dem er ihr nicht sagte, sie sei die Schönste. Zehn Jahre nach der Hochzeit fragte Liselotte ihn einmal:

Warum hast du mich, eine ganz gewöhnliche Frau, gewählt? Ich habe nichts, was Männer besonders mögen.

Alexander lächelte und erwiderte:

Man kann nicht erklären, warum man sich verliebt. Ich liebte deine Augen, weil sie so voller Güte und Ehrlichkeit strahlen. Ich liebte deine Stimme, deinen Duft, deine Seele. Du bist für mich die schönste Frau der Welt, weil du die stillen, unauffälligen Wildblumen liebst und du bist selbst wie eine dieser Blumen. Dein Wesen schreit nicht, es wird nur vom wahren Auge erkannt. Und das ist das Schönste, was ich je gefunden habe.

Zum 25. Hochzeitstag versammelten sich die Kinder und sagten ihren Eltern liebevolle Worte das schönste Geschenk für Liselotte und Alexander. Auf dem Tisch stand ein zarter Strauß Wildblumen, den Alexander jedes Jahr zum Geburtstag seiner Frau im Juli und zum Hochzeitstag schenkte.

Sascha, flüsterte Liselotte, als sie sich ins Bett kuschelten, ich glaube, wir sind das seltsamste Paar.

Warum das? fragte Alexander überrascht.

Wir haben 25 Jahre lang nie gestritten. Gibt es das überhaupt?

Willst du streiten? lachte er. Na dann, los!

Er begann, sie zu kitzeln.

Nein, nein, ich will nicht, rief Liselotte lachend, weil sie Kitzeln überhaupt nicht mochte.

Ich will auch nicht streiten, sagte Sascha und küsste sie.

Am Ende des Tages dachte sie über das Leben nach: Die wahren Schönheiten sei es eine zarte Wildblume oder ein stiller Blick erkennt man nur, wenn man aufmerksam und liebevoll hinsieht. Und genau das schenkt uns das Glück, das nicht laut schreit, sondern leise im Herzen blüht.

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