Weißt du, ich habe immer gedacht, dass das Dating erst nach fünfzig etwas für Menschen mit gefestigten Ansichten, Lebenserfahrung und einem Minimum gesunden Menschenverstands ist. Prinzen auf weißen Pferden? Das war lange nicht mehr meine Vorstellung.
Ich bin jetzt fünfundfünfzig, arbeite noch, habe eine erwachsene Tochter, eine gemütliche Wohnung in Berlin und ein ziemlich ausgeglichenes Leben. Trotzdem sehne ich mich manchmal nach ein bisschen echter menschlicher Wärme: ins Theater gehen, einen Kaffee trinken, über ein gutes Buch quatschen.
Mit genau diesen Gedanken habe ich mich auf einer Partnerbörse angemeldet. Zwischen unzähligen merkwürdigen Nachrichten und offensichtlich absurden Angeboten fiel das Profil von Klaus Müller sofort auf er wirkte schlicht, aber sympathisch.
Er ist neunundfünfzig, auf den Bildern ein gepflegter Mann im leichten Sommerjackett, im Hintergrund ein Park am Wannsee. Im Chat war er höflich, großzügig mit Komplimenten und erzählte von seinem Job als Ingenieur sowie seiner Leidenschaft für klassische Musik.
Nach einer Woche Schreiben trafen wir uns in einem kleinen Café am Gendarmenmarkt. Klaus war genau wie auf den Fotos: stattlich, ein bisschen ergraut, mit klarer Stimme. Er zog mir den Stuhl zurück, bestellte zwei Cappuccinos (das Dessert ließ er aus Prinzip weg, weil er auf die Zuckerzufuhr achtet) und redete den ganzen Abend darüber, wie wichtig traditionelle Werte heute noch sind.
Ich komme aus einer alten Schule, Heike, sagte er eindringlich und sah mir tief in die Augen. Für mich ist die Frau die Muse, der Mann der Beschützer und Ernährer. Ich halte die moderne Idee von getrennten Konten für Unsinn. Wer umwirbt, muss das mit Stil tun.
Klänge, die mir wie Musik vorkamen. Wir verabredeten uns noch zweimal, spazierten am Berliner Ufer entlang, redeten viel. Dann kam ein Wochenende, das Wetter wurde richtig mies ein nasser Novemberregen trommelte gegen die Fenster.
Heike, soll ich doch bei dir zum Abendessen vorbeischauen?, flüsterte Klaus am Telefon mit samtiger Stimme. Wir sitzen gemütlich drinnen, reden. Und natürlich komme ich nicht mit leeren Händen! Ich organisiere alles du bringst nur Gemütlichkeit und dein Lächeln mit.
Als typische deutsche Frau dachte ich nicht, dass ein Lächeln genug wäre. Schon am Morgen startete ich eine gründliche Aufräumaktion. Dann ging ich zum Supermarkt, kaufte gutes Rindfleisch, frisches Gemüse, ein paar Käse, ein knuspriges Bauernbrot. Drei Stunden stand ich dann am Herd.
Ich bereitete ein Rinderbratenrezept mit Pflaumen zu meine Spezialität, von der noch niemand unbeeindruckt blieb. Dazu einen leichten Salat, deckte den Tisch im Wohnzimmer schön, holte Kristallgläser, zündete ein paar Kerzen an. Ich schlüpfte in ein elegantes Hauskleid, machte ein dezentes MakeUp.
Am vereinbarten Abend war ich nervös wie ein Mädchen beim ersten Date. Genau um sieben klingelte es an der Tür. Ich richtete meine Haare, atmete tief durch und öffnete. Dort stand mein Gast, das Jackett leicht vom Regen durchtränkt, aber sehr stolz.
Guten Abend, liebe Gastgeberin!, sagte Klaus, zog die Mütze ab, ließ das Jackett locker fallen. Aus der Küche drangen bereits verführerische Düfte vom Braten. Klaus schnupperte laut und grinste: Oh, ich fühle, hier wartet ein echtes Festmahl!
Komm rein, Klaus. Leg die Jacke ab, ich hänge sie gern für dich auf, sagte ich freundlich, in der Hoffnung, dass er gleich die versprochenen Geschenke hervorzaubert. Ehrlich, ich hatte nicht mit einem Strauß aus hundert Rosen oder einer edlen Flasche Wein gerechnet. Eine Schachtel Pralinen, ein kleiner Kuchen oder ein einfacher Chrysanthemenzweig hätten schon gereicht es geht doch um die Geste.
Klaus hängte die Jacke auf, richtete den Anzug und griff dann in die Innentasche, als wolle er einen Zaubertrick vorführen. Mit feierlicher Stimme sagte er:
Wie ich schon sagte, Heike, ich komme nicht mit leeren Händen. Und reichte mir eine Tüte Tee.
Ich nahm die Tüte fast reflexartig, blickte darauf. Es war eine Pappschachtel mit dem billigsten schwarzen Tee, den man im Discountregal findet. Die Verpackung war leicht zerknittert, das Etikett fehlte fast, das Blattpapier war lose eingesteckt.
Ich hielt inne und versuchte zu begreifen, was da gerade passierte.
Klaus, das ist offen?, flüsterte ich, aus Angst, dass das ein seltsamer Streich sein könnte.
Er zuckte nicht zusammen, vielmehr lächelte er milde, als würde er einem Kind eine offensichtliche Wahrheit erklären.
Na klar! Ich habe heute erst ein paar Beutel aufgebrüht starker Tee, kommt schnell. Ich dachte, ich teile das mit dir. Eine ganze Schachtel würden wir ja nie an einem Abend leeren. Warum sollte ich etwas verschwenden? Du hast doch sicher auch etwas zu trinken, oder?
Ich stand im Flur meiner sauberen, heimeligen Wohnung, Kerzen flackerten im Hintergrund, das Rindfleisch mit Pflaumen köchelte, an das ich den halben Tag und ein kleines Vermögen investiert hatte.
Und vor mir stand ein 59jähriger, berufstätiger, gut gekleideter Mann, der von traditionellen Werten schwärmte und mir zum romantischen Abend ein paar CentTeeBeutel brachte ohne die üblichen zwanzig Beutel im Inneren.
In meinem Kopf schossen hunderte Reaktionen durch. Ich hätte lachen können, ihn offen auslachen. Ich hätte ein Drama starten können und ihm all meine Vorwürfe an den Tag legen können. Oder ich hätte still bleiben, den Ärger schlucken und ihn am Tisch sitzen lassen können, während ich mich wie eine gedemütigte Dienstmädchen fühlte.
Stattdessen wählte ich einen anderen Weg. Die Ruhe, die mich in diesem Moment überkam, überraschte mich selbst.
Ich stellte die zerknitterte Schachtel behutsam auf den Nachttisch neben den Spiegel, sah Klaus direkt in die Augen und lächelte nicht gekünstelt, sondern völlig ehrlich, mit einer riesigen Erleichterung, weil er sich gerade so offen gezeigt hatte, an der Tür, und nicht erst nach Monaten oder Jahren.
Klaus, sagte ich mit ruhiger, sanfter Stimme, ich schätze deine Großzügigkeit wirklich, aber ich glaube, wir brauchen diesen Tee nicht.
Seine Augenbrauen zuckten nach oben: Warum? Magst du keinen Schwarztee? Ich könnte beim nächsten Mal lieber Grün holen, bei mir im Büro liegt noch ein halbes Päckchen
Ein nächstes Mal wird es nicht geben, erwiderte ich ebenso gelassen. Sie haben Recht, ein Mann sollte beitragen. Und Ihr Beitrag war so beeindruckend, dass ich ihn gar nicht zurückgeben kann. Mein Abendessen reicht dafür nicht.
Ich nahm seine noch nasse Jacke von der Garderobe und reichte sie ihm.
Was ist los? Heike, bist du wegen des Tees beleidigt? Was für eine Kleinlichkeit!, rief er, sein samtiger Ton bekam ein wenig einen kratzigen Unterton, sein Gesicht geriet in ein leichtes Rot. Ich kam mit ganzem Herzen nach einem harten Arbeitstag, und du machst wegen einer Kleinigkeit Drama! Ihr modernen Frauen wollt doch nur Geld und Restaurant!
Ich brauche Respekt, Klaus. Vor allem zu mir selbst. Zieh deine Jacke an, draußen ist es kalt. Und vergiss deinen Tee nicht, sonst bekommst du noch eine Erkältung und hast nichts, um dich zu kurieren.
Ich drückte die halbgeöffnete Teetüte in seine Hände, schob ihn sanft zur Tür und schloss hinter ihm.
Das Schloss klickte. In der Wohnung herrschte perfekte Stille, nur das Ticken der Uhr war zu hören. Ich ging in die Küche, goss mir ein Glas guten Rotwein ein, schnitt ein Stück vom duftenden Fleisch und setzte mich an den schön gedeckten Tisch. Ganz allein.
Und weißt du, das war ein großartiges Abendessen. Das Fleisch zerging auf der Zunge, das Weinchen funkelte im Glas. Ich fühlte weder Enttäuschung noch Einsamkeit, sondern Stolz, dass ich mir selbst nicht den Boden gekehrt habe.
Männer sagen oft, wir seien materialistisch, wir würden nur Sponsoren suchen. Aber ehrlich: Es geht nicht um den Preis des Geschenks, sondern um die Haltung. Ein Mann, der einer Frau ein halbes Päckchen Tee schenkt, spart nicht am Geld, sondern an seiner Zuneigung, an seinem Respekt. Er zeigt, dass sie nicht einmal die kleinste Mühe wert ist. Und meine Zeit, meine Energie und mein Leben will ich nicht mehr für solche traditionellen Jäger verschwenden.
Wie siehst du das, liebe Freundin? Hast du so etwas schon erlebt? Oder war ich zu hart und hätte dem Mann vielleicht doch eine zweite Chance geben sollen?