Ich bin 54, vier Jahre lang habe ich für Markus gekocht, gewaschen und gebügelt. Doch ein Abend mit seiner Mutter in meiner Küche änderte alles.

Wir lernten uns in der Arztpraxis kennen, in der Schlange vor dem Sprechzimmer. Ich kam wegen Blutdruckschwankungen, er wartete auf seine Laborergebnisse. Wir kamen ins Gespräch. Jürgen wirkte ruhig, bedächtig.

Acht Jahre waren seit meiner Scheidung vergangen. Mein Sohn lebte längst woanders. Die Freundinnen hatten ihr eigenes Leben: die einen mit Enkeln, die anderen mit dem Garten, wieder andere mit endlosen Untersuchungen und Krankenhausbesuchen. Und plötzlich war da ein echter Mann aufgetaucht. Kein Trinker, kein Streitsucher, er hob nicht die Hand.

Damals dachte ich: das ist das Geschenk des Schicksals.

Erstaunlich, wie tief wir die Latte manchmal legen. Er schlägt nicht – schon gut.

Jürgen arbeitete im Lager. Der Lohn war gering, aber, wie er gern betonte, „stabil“. Dieses Wort liebte er über alles.

Er war stabil müde.

Stabil klagte er über den Rücken.

Stabil konnte er nicht im Haushalt helfen.

Und stabil erwartete er das Abendessen pünktlich um sieben.

Als er zu mir zog, brachte er zwei Reisetaschen mit, einen alten Laptop und seine Mutter im Telefon.

Die Mutter rief täglich an.

Anfangs fand ich das sogar nett.

Sie sorgt sich eben um ihren Sohn.

Dann begriff ich, dass ihr ewiges:

„Hast du gegessen?“

„Hast du dich erkältet?“

„Nina macht bestimmt die Fenster auf, deshalb hustet er…“

so klang, als würde ich ihren Sohn verhungern lassen und ständig unter Zugluft setzen.

Das erste Jahr schien noch erträglich.

Ich kochte – er aß.

Ich wusch – er trug.

Ich kaufte ein – er seufzte:

„Wie alles teurer geworden ist.“

Und zwar so, als hätte ich persönlich mit den Supermärkten über die neuen Preise verhandelt.

Einmal im Monat drückte er mir Geld in die Hand.

Fünfhundert Euro.

Manchmal siebenhundert.

Und das mit einem Gesicht, als hätte er gerade die gesamte Hypothek aufs Haus abbezahlt.

„Hier, für den Haushalt. Aber bitte keine unnötigen Ausgaben.“

Dabei zahlte ich die Nebenkosten, kaufte Lebensmittel, Putzmittel, seine Rückenschmerztabletten, Socken, das Sonderangebot-Fleisch.

Das Schrecklichste: Ich war sogar dankbar für dieses Geld.

Das schockiert mich heute am meisten.

Nach dem Abendessen seufzte Jürgen gern schwer.

„Der Buchweizen ist zu trocken. Bei Mama wird er locker und gleichzeitig weich.“

Ich verstehe bis heute nicht, wie das möglich ist.

Es muss eine besondere Magie geben, die nur Müttern erwachsener Söhne zugänglich ist.

Oder:

„Zu wenig Salz.“

„Dann salz nach.“

„Ich sitze schon.“

Der Mensch hat sich am Tisch niedergelassen.

Also muss sich die ganze Welt anpassen.

Ich stand auf.

Brachte das Salz.

Dann das Brot.

Dann den Tee.

Dann die Fernbedienung, die buchstäblich einen halben Meter von ihm entfernt lag.

„Nina, du bist näher dran.“

Mir war alles näher.

Die Küche.

Das Bad.

Die Arbeit.

Wahrscheinlich wäre mir sogar das Jenseits näher gewesen.

Allmählich begann ich zu ermüden.

Nicht nur körperlich, obwohl auch das.

Ich kam von der Arbeit nach Hause, zog die Schuhe aus und träumte von wenigstens fünf Minuten Stille.

Nur fünf.

Aber aus dem Zimmer ertönte sofort:

„Warum so spät? Ich will essen.“

Kein:

„Bist du müde?“

Kein:

„Soll ich Tee machen?“

Nur:

„Ich habe Hunger.“

Das Geschirr spülte immer ich.

Jürgen litt an einer besonderen Allergie – gegen das Spülbecken.

Sobald er schmutzige Teller sah, fiel ihm sein kranker Rücken ein.

„Ich würde ja helfen, aber du weißt doch…“

Ja, ich wusste alles.

Welche Tabletten er morgens nahm.

Welche Wurst er bevorzugte.

Dass seine Mutter keine Zwiebeln vertrug.

Dass Jürgen keine schweren Lasten heben durfte, kein frühes Aufstehen, kein spätes Zubettgehen, keine Badreinigung und kein Müllrausbringen ohne Erinnerung.

Was mir gefiel – das fragte niemand.

Einmal schlug ich vor, die Kosten zu teilen.

Er wunderte sich:

„Wie meinst du das, teilen? Ich verdiene weniger.“

„Ich verstehe.“

„Warum setzt du mich dann unter Druck?“

So war das.

Ich verlangte keine Diamanten oder teure Geschenke.

Ich schlug bloß vor, gemeinsam Lebensmittel und Nebenkosten zu bezahlen.

Und schon war ich die Frau, die Druck macht.

Am selben Abend rief er seine Mutter an.

Stellte sie extra auf Lautsprecher.

Nachdem sie ihn angehört hatte, sagte Ingrid eisig:

„Nina, wollen Sie meinen Sohn zum Untermieter machen?“

Ich stand am Herd und rührte die Nudeln um.

Am liebsten hätte ich geantwortet:

„Untermieter zahlen wenigstens ihre Miete.“

Aber ich schwieg.

Noch.

Später fand Jürgen einen neuen Job.

Das Gehalt war höher.

Dafür gab es täglich Hemden.

Weiße.

Hellblaue.

Gestreifte.

Und alle mussten gebügelt werden.

Die ersten Wochen erledigte ich das nach der Arbeit.

Nach dem Abendessen.

Nach dem Putzen.

Ich stand am Bügelbrett, während im Zimmer der Fernseher lief und Jürgen auf dem Sofa lag.

„Den Ärmel hast du schlecht gebügelt.“

„Jürgen, ich bin schon eine Stunde dabei.“

„Ich bitte doch nicht für mich. Ich muss damit zur Arbeit.“

Am nächsten Tag tauchte unangemeldet Ingrid auf.

Sie brachte ihrem Sohn Quarkkeulchen und stellte sie demonstrativ auf den Tisch, als wollte sie sagen:

„So sieht normales Essen aus.“

Ich schnitt in dem Moment einen Salat.

Dann kam dieser Donnerstag.

Der schwerste von allen.

Ich kam erst gegen neun Uhr abends nach Hause.

In der Tasse lagen Äpfel und Joghurt – für mich.

Ich schließe die Tür auf und sehe Ingrid in meiner Küche.

In meinem Bademantel.

Dem blauen, weichen mit der Tasche, in die ich immer meine Brille steckte.

Daneben lagen fünf zerknitterte Hemden und das Bügeleisen.

Aus dem Zimmer kam Jürgen.

„Wir müssen etwas besprechen.“

Ich zog langsam die Stiefel aus.

Denn wenn man es schnell tut, könnte einer davon jemandem an den Kopf fliegen.

Aber ich bin eine erzogene Frau.

Manchmal erschwert das das Leben enorm.

„Ich muss morgen um acht im Büro sein“, sagte Jürgen. „Ich habe keine Zeit zum Bügeln.“

„Dann bügel jetzt.“

„Ich bin müde.“

Ich sah auf das Sofa.

Auf den Teller mit Krümeln.

Auf seine Mutter in meinem Bademantel.

Auf das Bügeleisen.

Und dann sagte er völlig ruhig:

„Wenn du abends nicht schaffst, dann steh um fünf Uhr auf und bügel meine Hemden. Das ist die Pflicht einer Frau.“

Und plötzlich sah ich das ganze Bild von außen.

Eine vierundfünfzigjährige Frau steht in ihrer eigenen Wohnung nach einem schweren Arbeitstag.

Vor ihr ein Mann, der hier praktisch umsonst wohnt und von ihrem Geld isst.

Und neben ihm seine Mutter, angetan mit ihrem Bademantel, erklärt, wie eine richtige Frau zu sein hat.

Ich ging wortlos ins Zimmer.

Holte aus dem Schrank genau die zwei Taschen, mit denen er vor vier Jahren bei mir eingezogen war.

Stellte sie im Flur ab.

Und sagte ruhig:

„Pack deine Sachen.“

Er war überzeugt, ich würde weinen.

Angst haben.

Ehrlich gesagt, dachte ich das auch.

Vier Jahre lang wächst ein Mensch in dein Leben.

Selbst wenn er wie Unkraut ist, das Ausreißen tut trotzdem weh.

Aber ich stand schweigend.

Danach war es nicht leicht.

Die Hand griff automatisch nach dem zweiten Teller.

Im Supermarkt nahm ich gedankenlos seinen Lieblingskäse, legte ihn dann wieder zurück.

Das Schwerste war nicht, ihn zu vermissen, sondern aufzuhören, mir Vorwürfe zu machen.

Wer will schon eine Frau mit ihren Vorratsgläsern auf dem Balkon, der Gewohnheit, Serien unter der Decke zu gucken, und über fünfzig?

Aber eines Abends kam ich nach Hause, machte Licht und begriff plötzlich:

Ich brauche mich selbst.

Banal?

Vielleicht.

Aber genau in dem Moment verstand ich es.

Nicht als Haushälterin.

Nicht als Dienstpersonal.

Nicht als Anhängsel eines Mannes.

Sondern einfach als Nina.

Einen Monat später stand Jürgen wieder vor der Tür.

Mit drei leicht verwelkten Rosen.

Wahrscheinlich sahen sie genauso müde aus wie wir beide.

Ich öffnete die Tür, ließ die Kette aber dran.

„Nina, ohne dich geht es mir schlecht.“

„Ich will nichts zurückhaben“, sagte ich ruhig.

„Gar nichts?“

„Gar nichts.“

Er stand noch einen Moment auf dem Treppenabsatz.

Dann ging er wortlos.

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