Wieder nahte ein neues Jahr. Die ganze Stadt war in hektischer Vorweihnachtsstimmung, die Einkaufszentren warm und hell, überfüllt mit Menschen, die zwischen den Stockwerken hin und her eilten, um noch die letzten Geschenke zu besorgen. Aus allen Lautsprechern drang derselbe Weihnachtshit, den man schon millionenfach gehört hatte.
Doch für Lieselotte war es keine fröhliche Zeit. Das Jahr mit ihrer Mutter Helga war schwer gewesen, ein Jahr des Lernens, ohne ihren Vater zu leben. Lieselotte wohnte nicht mehr bei ihren Eltern, sie war erwachsen, verheiratet und hatte sogar einen zehnjährigen Sohn namens Maximilian.
**Der Vater**
Vor einem Jahr, kurz vor Silvester, war ihr Vater gestorben. Lieselotte war so von ihrem eigenen Schmerz überwältigt, dass sie erst spät begriff, wie viel schlimmer es für ihre Mutter sein musste.
Friedrich Wilhelm war ein fürsorglicher, liebevoller Ehemann und Vater gewesen. Als Wirtschaftsprofessor an der Universität behandelte er seine Studenten stets mit Wärme. Sie sind alle wie eigene Kinder für mich, pflegte er zu sagen. Ich schimpfe nie mit ihnen, und sie wissen das zu schätzen. In all den Jahren gab es nie einen wirklichen Streit. Wenn Fragen aufkamen, klärten wir sie gemeinsam zufriedene Studenten, ein zufriedener Professor.
Ja, Papa, alle sprechen mit Respekt von dir, stimmte Lieselotte zu.
Friedrich Wilhelm liebte alte Filme, sein Lachen war ansteckend, und als Lieselotte klein war, gingen sie oft spazieren. Manchmal unternahm die ganze Familie etwas Kino, Parkbesuche, Urlaube.
Lieselotte hatte gesehen, wie zärtlich ihr Vater zu ihrer Mutter war, und so suchte sie sich einen Mann, der ihm ähnelte. Das war ihr gelungen, und sie war glücklich mit ihrem Ehemann. Nach der Hochzeit zogen sie in eine Wohnung, die beide Elternteile ihnen geschenkt hatten.
Alles schien gut. Doch vor drei Jahren wurde bei Friedrich Wilhelm plötzlich Krebs diagnostiziert. Helga und Lieselotte waren geschockt, doch er beruhigte sie.
Keine Sorge, meine Lieben, so einfach werdet ihr mich nicht los, scherzte er, doch sein Blick war trübe.
Dann, vor einem Jahr, war er fort.
**Ich kann nicht ohne ihn leben**
Für immer werde ich den Klumpen gefrorener Erde auf dem Sarg hören, Mutters Schluchzen, das Klirren der Teller und Gläser beim Traueressen, dachte Lieselotte manchmal.
Seitdem lebte sie in ständiger Angst um ihre Mutter. Als sie nach der Beerdigung in die leere Wohnung zurückkehrten, ging Helga, ohne sich auszuziehen, ins Wohnzimmer und ließ sich langsam in den Sessel fallen, in dem ihr Mann immer gesessen hatte. Stumm starrte sie vor sich hin. Lieselotte wusste auch nicht, was sie sagen sollte sie war ebenso von der Trauer erdrückt.
Ich schaffe es nicht, hörte sie ihre Mutter flüstern.
Sie kniete sich vor sie, nahm ihre kalten Hände in ihre eigenen.
Was schaffst du nicht, Mama?
Helga sah sie verständnislos an, als begriffe sie die Frage nicht, und sagte leise:
Ohne ihn leben. Ich kann nicht.
Erst jetzt verstand Lieselotte: So schwer es für sie war für ihre Mutter war es unerträglich.
**Sie wartete, dass der Schmerz vergehen würde**
Nun war genau ein Jahr vergangen. Helga und Lieselotte lernten, ohne Friedrich Wilhelm weiterzuleben. Langsam gewöhnte sich Lieselotte daran, seine Stimme am Telefon nicht mehr zu hören. Wie sehr sie sie vermisste. Früher, wenn sie ihre Eltern besuchte, sah sie immer seine silbernen Haare über der Lehne des alten Fernsehsessels seinem Lieblingsplatz. Doch der war nun leer. Sie musste sich daran gewöhnen, aber der Schmerz blieb. Sie wartete, dass er nachlassen würde, doch stattdessen kam die Angst um ihre Mutter hinzu.
Herrgott, bitte lass Mama das durchstehen, dachte Lieselotte, wenn sie nachts aufwachte, und dieser Gedanke verfolgte sie überall.
Dann griff sie zum Telefon und rief ihre Mutter an nicht mitten in der Nacht, aber morgens, mittags, abends. Die Angst um sie war unerträglich.
Lieselotte, quäl dich nicht so, beruhigte sie ihr Mann Johannes oft. Schau dich an deine Augen sind leer, du hast abgenommen, bist ständig nervös. Es wird alles gut mit deiner Mutter. Es ist noch nicht lange her, aber glaub mir, es wird besser.
Du hast wahrscheinlich recht, Hannes. Aber jedes Mal, wenn ich Mama sehe, erschrecke ich. Sie ist kaum wiederzuerkennen, so still und wortkarg. Woran denkt sie nur die ganze Zeit? Ich sollte sie zu uns einladen.
Lieselotte rief an. Ihre Mutter antwortete mit leiser Stimme.
Ja, meine Tochter?
Mama, komm zu uns. Heute ist Samstag, wir gehen mit Maxi in den Park oder so. Du sitzt doch nur allein zu Hause.
Nein, meine Tochter, danke. Ich möchte nicht raus, schon gar nicht wegfahren. Ich bin nicht allein in Gedanken bin ich immer bei Papa.
Genau das meine ich. Mama, ich möchte dich ablenken. Komm bitte. Doch Helga lehnte ab.
Als Lieselotte auflegte, sah sie Johannes an.
Wie kriege ich sie nur aus der Wohnung? Wenn ich zu ihr komme, freut sie sich, aber rausgehen will sie nicht. Sie sagt, sie möchte mit mir zu Hause reden.
Geduld, Lieselotte, Geduld. Sie braucht Zeit.
**Die Angst**
Heute war es genau ein Jahr, seit Friedrich Wilhelm gestorben war. In zwei Tagen wäre Neujahr. Das Leben würde weitergehen. Lieselotte hatte ihre Mutter am Morgen angerufen, doch sie meldete sich nicht. Sie rief noch einmal an. Und noch einmal. Es klingelte, aber Helga antwortete nicht. Lieselotte bekam Panik. Normalerweise passierte das nicht. Ihre Mutter ging immer ans Telefon.
Sie riss die Autoschlüssel an sich und stürzte aus dem Haus. Im Treppenhaus hämmerte ihr Herz so laut, als wollte es aus ihrer Brust springen.
Herrgott, bitte lass sie in Ordnung sein, flüsterte sie, als sie mit ihrem Schlüssel die Tür öffnete.
**Sie las den Zettel immer wieder**
Als sie die Wohnung betrat, spürte Lieselotte sofort, dass etwas nicht stimmte. Lautlose Stille. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: Meine liebe Tochter, du weißt, wie sehr ich dich liebe. Ich möchte dir keinen Schmerz bereiten. Was auch passiert ich liebe dich sehr.
Lieselotte krallte sich an die Tischkante und sackte auf einen Stuhl. Ihre Beine waren wie Blei, die Gedanken rasten. Die Buchstaben tanzten, doch sie las den Zettel immer wieder.
Ich wusste es wovor man sich fürchtet, das tritt ein, dachte sie endlich.
Sie sah die Teetasse auf dem Tisch noch nicht ganz trocken.
Mama kann erst vor Kurzem weggegangen sein. Vielleicht ist noch nichts passiert. Sie riss die Schlüssel an sich und stürzte hinaus.
Die Treppe hinunter jagte sie, überlegte fieberhaft.
Wohin könnte sie gegangen sein? Vielleicht nur in den Supermarkt? Aber der Zettel
Sie rief immer wieder an, doch es klingelte nur endlos. Während sie durch die Stadt fuhr, schoss ihr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf:
Halt. Ich weiß, wo sie sein muss. Der Friedhof.
Am Friedhofstor sprang sie aus dem Auto und rannte, ohne den Schnee zu bemerken, Richtung Grabstätte ihres Vaters. Der Friedhof war menschenleer wer käme schon am Silvesterabend hierher? Von Weitem sah Lieselotte eine gebückte GestaltIn der Ferne erkannte sie ihre Mutter, die vor dem Grab ihres Vaters kniete, und mit einem tiefen Seufzer lief Lieselotte auf sie zu, wissend, dass sie nun zusammen lernen mussten, ohne ihn weiterzuleben.