Es war früh am Morgen, als mein Zimmernachbar, der bisher kein einziges Wort gesprochen hatte, plötzlich fragte: “Glaubst du, dass es nach dem Tod noch etwas gibt?” Ich war so überrascht, dass ich fast meinen Tee verschüttete. In den 24 Stunden, die ich nun hier im Krankenhaus verbrachte, hatte ich seine Stimme zum ersten Mal gehört. Selbst seinen Namen hatte er bei unserer ersten Begegnung nicht genannt, sondern nur stumm genickt, als ich mich vorstellte und versank wieder in seinen Smartphone. Fragen bejahte oder verneinte er lediglich mit einem Kopfschütteln oder Nicken. Manchmal starrte er mich einfach überraschten an, als ob ich ein Tabuthema angeschnitten hätte, was mich etwas verunsicherte. Ich hatte angenommen, sein Zustand erlaube keinen richtigen Austausch, denn er sah nicht besonders gesund aus. Und nun sprach er!
Ich stellte die Tasse mit dem warmen Tee beiseite und sammelte meine Gedanken: “Der Homo sapiens existiert seit rund zweihunderttausend Jahren. Und in all der Zeit wurde die Existenz eines Jenseits durchweg nicht verneint, sondern das gesamte Leben darauf vorbereitet. Diese Glaubensvorstellungen entstanden doch nicht aus dem Nichts? Vielleicht gibt es etwas. Vielleicht nicht so, wie wir es uns vorstellen, aber – möglich wäre es…”
Mein Nachbar seufzte und wandte sich wieder seinem Smartphone zu. Heute sollte er nicht frühstücken – er durfte nicht, da er operiert wurde. “Zweihunderttausend Jahre!” lächelte er melancholisch. “Wie viele Menschen sind in dieser Zeit dorthin gegangen! Und keiner ist zurückgekommen.” Ich zuckte unentschlossen mit den Schultern. Ich wollte nicht in die Diskussion über Reinkarnationstheorien und das Konzept von Samsara einsteigen, zumal mein Wissen darüber gering war. Etwas zu beweisen oder zu widerlegen schien genauso unmöglich, wie es einfach zu lassen. Stattdessen legte ich mich aufs Bett und lauschte den Geräuschen auf dem Gang.
Die Onkologie-Abteilung des Krankenhauses war riesig – mehrere Gebäude, die über warme Übergänge miteinander verbunden sind. Unser Zimmer befand sich im dritten Stock des neuen Gebäudes. Die Zimmer sind in Blöcken organisiert – jeweils zwei pro Block, mit gemeinsamen Korridor, Kühlschrank und Sanitäranlagen. Das Pflegepersonal war fürsorglich und freundlich, aber strikt, was die Einhaltung der Krankenhausvorschriften anging. Ich war überrascht, dass es sogar eine Raucherecke gab – ein kleiner Anbau an einem der Gebäude mit starker Abluftventilation und Bänken entlang der Wände. Auch wenn das Rauchen der Patienten nicht gerne gesehen wurde, war es dennoch erlaubt.
“Eine kluge Entscheidung”, dachte ich mir, denn Raucher sind ein hartnäckiges Volk und lassen sich durch Verbote kaum aufhalten. Ohne diese Möglichkeit hätten sie heimlich die Fenster geöffnet, in den Toiletten und anderen Ecken geraucht, was die anderen Patienten gestört hätte. Nun waren alle zufrieden – die Raucher konnten legal rauchen, und die Nichtraucher genossen saubere Luft.
Um zur Raucherzone zu gelangen, muss man in den zweiten Stock hinunter, durch einen langen Übergang zum Nachbargebäude gehen und dort die Treppe hinabsteigen. Im zweiten Stock des neuen Gebäudes bemerkte man stets den süßen Duft von Wachslichtern. Auf dem Flur, in einer Ecke, standen zwei große Kerzenhalter, die man wohl „Kandelaber“ nennt. Auf einem Schild stand „für die Gesundheit“, auf dem anderen „für die Toten“. Auf beiden brannten Kerzen…
“Das ist auch richtig so”, dachte ich. Die Menschen kommen hier nicht wegen eines Schnupfens her, die Situation ist weitaus ernster. Wo sonst können Gläubige die Kraft für den Kampf gegen ihre Krankheit schöpfen? Wer gibt ihnen Hoffnung auf einen guten Ausgang?
“Und du, bist du gläubig?” fragte mein Nachbar, als hätte er meine Gedanken gelesen. Ich zuckte erneut unbestimmt mit den Schultern. Eine komplizierte Frage. Wie viele meiner Generation betrachtete ich die Ideale des Kommunismus mit Ironie, aber die Saat des atheistischen Erziehung fiel dennoch in gute Erde. Viele meiner Altersgenossen, die als Pioniere und Mitglieder der FDJ aufgewachsen sind, fanden schließlich den Weg zu Gott, aber bei mir reichte es bislang nur dazu, ihre Entscheidung schweigend zu akzeptieren. Ich bin noch nicht bereit. Vielleicht später…
“Ich verstehe”, lächelte mein Nachbar. “Ich bin getauft, aber in der Kirche war ich nie mehr und Gebete kenne ich auch nicht. Das ist vielleicht sogar schlimmer, als nicht zu glauben”, meinte er und hielt kurz inne. “Aber ehrlich gesagt denke ich: ‘Lebe wie ein Mensch, begehe keine großen Sünden – das ist ein rechtschaffenes Leben.'”
“Und? Ist es dir gelungen, rechtschaffen zu leben?”, fragte ich. Er überlegte, schloss die Augen, seufzte und sagte dann bedauernd: “Nein. Ganz bestimmt nicht.”
“Nun, wenn jemand erkennt, dass er sündig ist, dann ist das der erste Schritt zur Reue”, dachte ich. “Und Reue ist im Christentum der Weg zur Rettung der Seele.” Doch bevor ich dies meinem Nachbarn mitteilen konnte, zeigte er mir den Bildschirm seines Smartphones: “Das hast doch du geschrieben, oder?” Auf dem Bildschirm war der Titel einer meiner Geschichten in großen Buchstaben zu sehen: “Das Lächeln des Schicksalslenkers”. “Ich habe deinen Namen gegoogelt und das hier gefunden”, erklärte er.
“Ja, das ist mein Werk,” nickte ich.
“Glaubst du wirklich, dass Katzen unsere Wegweiser in eine andere Welt sind?”
“Das hätte ich gerne so”, nickte ich skeptisch, “zumal niemand das Gegenteil bewiesen hat”. Ich rechnete mit einem sarkastischen Lachen, doch stattdessen nickte er ernsthaft: “Ja, ja. Meine Oma erzählte mir als Kind immer, dass solange eine für die Seelenruhe entzündete Kerze brennt, ihr Licht den Weg für die Seele erhellt. Und wenn es einen pelzigen Führer gibt, hilft er auf dem Weg und legt vielleicht ein gutes Wort für einen ein.”
Er hielt inne, erinnerte sich an etwas und lächelte: “Ich hatte auch einen Lieblingskater – Felix. Wir waren zwölf Jahre lang unzertrennlich. Er erzählte davon, wie er den kleinen Streuner auf dem Heimweg aufgelesen, liebevoll gepflegt und ihm ein Zuhause gegeben hatte. Plötzlich wurden wir unterbrochen.
“Wer von Ihnen ist Martin Müller?” Eine junge Schwester betrat entschlossen den Raum und schob einen Rollstuhl herein. “Steigen Sie ein, Sie werden schon erwartet.”
“Viel Glück, Martin!”, wünschte ich ihm und klopfte ihm auf die Schulter. Er schaute mich an und schenkte mir ein kaum sichtbares Lächeln…
Ich sah ihn nie wieder. Am Abend kam die Nachtschwester herein, um Martins Sachen zusammenzupacken. Auf meinen fragenden Blick antwortete sie: “Das war’s. Ihr Zimmernachbar ist nicht mehr…”
Rasch räumte sie den Nachttisch von persönlichen Dingen frei und hielt plötzlich inne, als sie eine dünne Wachskerze entdeckte.
“Lassen Sie sie da”, bat ich unerwartet. “Sie nützt den Angehörigen nichts.”
“Und warum brauchen Sie sie?”, fragte sie. “Für alle Fälle”, murmelte ich und fühlte, dass der Grund nicht überzeugend genug war, fügte ich hinzu: “um den Weg zu erleuchten.”
“Er hat keine Familie”, sagte die Schwester nachdenklich. “Obwohl… Sich um den Kranken zu kümmern, findet sich meist niemand, aber um das Erbe anzutreten, gibt es immer genug Bewerber…”
Vor dem Schlafengehen, vorsichtig die Tür hinter mir schließend, ging ich zur Raucherecke. Auf dem Gang im zweiten Stock hielt ich an dem Kandelaber mit der Aufschrift “für die Toten” an. Eine Frau mittleren Alters stand daneben und betrachtete die für Gesundheit brennende Kerze. Ich zündete die Kerze an, die ich mitgebracht hatte und setzte sie behutsam in die Kerzenhalterung. Die Flamme flackerte unsicher, drohte von einem kaum spürbaren Luftzug gelöscht zu werden.
“Man sollte für Martin beten”, dachte ich. “Aber sollte ich das tun als Ungläubiger?”
Als die Frau schließlich seufzend gehen wollte, wendete ich mich an sie: “Bitte beten Sie für die Seele des verstorbenen Martin.” Sie sah mir in die Augen und nickte zustimmend.
Ich kehrte von der Raucherecke im schummrigen Nachtlicht zurück. Als ich an den leuchtenden Kerzen vorbeiging, blieb ich stehen. Martins Kerze brannte ruhig und gleichmäßig, erleuchtete die Wände und Böden des Korridors, jedoch nur Schritt für Schritt.
“Das ist gut”, dachte ich, “so wirst du nicht im Dunkeln wandern. Finde deinen Weg und möge dir dein geliebter Felix helfen, der dich an der Grenze zwischen Licht und Dunkelheit erwartete…” Aus irgendeinem Grund glaubte ich fest daran, dass es so war, dass seine Seele nicht umherirrt, sondern von Felix begleitet wird, der stolz seinen Schwanz in die Höhe streckt und sich immer wieder nach seinem Herrn umsieht.
Der gelbe Wachs der Kerze formte sich unter dem zitternden Flammenblättchen in ein klares Tröpfchen und floss langsam hinab…