— Gebt den Hund nicht ins Tierheim — flehte der Junge! Die Erwachsenen hörten nicht — und bereuten es.

Günter war überzeugt: Die Renovierung ist wichtiger, der Sohn wird es überleben. Den Hund haben wir ins Tierheim gebracht, trotz Maxens Flehen. Aber elf Tage später bin ich in sein Zimmer gegangen und habe eine Zeichnung gefunden, nach der sich alles umkehrte.

Die Tüte stand an der Haustür. Zwei Tüten, genau genommen: in einer die Näpfe, in der anderen Reste von Futter und ein Gummiball, den Bello durch die Wohnung geschleppt hatte, seit er laufen konnte.

Max sah sie, noch bevor er die Turnschuhe ausgezogen hatte.

Bello stupste mit der Nase gegen Maxens Knie und wedelte so heftig mit dem Schwanz, dass er die Tüte traf. Der Napf klapperte darin. Das rotbraune Fell roch nach Hof, nach Herbstlaub und nach etwas Warmem, ganz Hundeeigenem, das bei Max immer etwas unter den Rippen zusammenzog. Er hockte sich hin, umarmte den Hund mit beiden Armen. Bello hielt still, drückte sich seitlich an das karierte Hemd und legte die Schnauze auf die Schulter des Jungen.

Die linke Hinterpfote knickte ungeschickt ein. Der Hund hinkte darauf seit dem Welpenalter, und Max war es gewohnt, ihn an der Seite zu stützen, wenn er sich setzte.

In der Küche summte der Wasserkocher. Ich stand am Herd, drehte meinen Ehering am Ringfinger. Schnell, mit einer vertrauten Bewegung, wie immer, wenn ich etwas sagen wollte, aber keine Worte fand. Günter saß am Tisch, der Rücken gerade, die Hände vor sich gefaltet. Die Kaffeetasse stand exakt in der Mitte der Untertasse.

„Mama, wozu ist das?“

Ich drehte mich nicht um. Meine Finger am Ring wurden schneller.

„Papa, wozu sind die Tüten an der Tür?“

Günter trank den Kaffee in einem Schluck aus. Stellte die Tasse so präzise auf die Untertasse, dass es nicht klirrte.

„Max, wir haben entschieden. Wir bringen den Hund heute weg.“

„Wohin?“

„Ins Tierheim. Gute Bedingungen, ich habe mich erkundigt. Warme Zwinger, ordentliches Futter.“

Max blickte mich an. Ich starrte aus dem Fenster, wo hinter der Scheibe ein grauer Oktoberhimmel die Dächer niederdrückte. Der Ring drehte sich immer weiter.

„Mama?“

Der Wasserkocher klickte, schaltete sich aus. Es wurde still, und man hörte Bellos Atem im Flur.

„Mama, sag doch etwas dagegen.“

Ich rückte das Handtuch am Haken zurecht. Nahm es ab, hängte es neu auf, obwohl es gerade hing.

„Papa hat recht, mein Schatz. Wir müssen renovieren. Für den Hund wird es hier…“

„Bello! Er heißt Bello!“

„Für Bello wird es schwer. Farbe, Staub, Werkzeug auf dem Boden. Es könnte ihm schlecht gehen.“

Ich sprach mit gleichmäßiger Stimme, und jedes Wort klang, als wäre es nicht zum ersten Mal gesagt. Als hätten wir es mit Günter am Vorabend geprobt, während Max schlief.

Max umklammerte die Stuhlkante. Die Knöchel traten weiß hervor.

„Ich gehe dreimal am Tag mit ihm raus. Ich bleibe mit ihm in meinem Zimmer. Er wird nicht stören. Bitte.“

Günter stand auf. Der Stuhl quietschte kurz auf dem Linoleum.

„Ich habe es gesagt, und dabei bleibt es. In einer halben Stunde fahren wir los.“

„Bitte. Bitte nicht.“

Seine Stimme wurde dünn. Nicht kindlich, sondern durchsichtig, als würden die Worte durch ihn hindurchgehen, ohne Halt zu finden. Bello kratzte mit den Krallen über die Fliesen, humpelte in die Küche und setzte sich neben Max, die Seite an sein Bein gelehnt. Er legte die Schnauze auf sein Knie.

Und hielt still. Die Augen des Hundes waren braun, mit rötlichen Punkten, und sie blickten ruhig von unten nach oben. Er verstand nicht. Er vertraute allen in diesem Haus.

Ich kniff die Augen zu. Eine Sekunde, vielleicht zwei. Dann öffnete ich sie und griff in die Tasche nach den Autoschlüsseln.

Max zog die Jacke an.

„Max, es ist besser, du bleibst zu Hause. Du musst nicht mitkommen.“

„Nein, ich fahre mit!“ Max weinte fast.

Im Auto roch es nach Benzin und erhitztem Plastik. Die Sonne kam nicht heraus, und die Stadt draußen wirkte wie mit einem grauen Stift auf nasses Papier gezeichnet. Bello lag auf der Rückbank, die Schnauze auf Maxens Schoß. Max weinte nicht. Er saß aufrecht da, streichelte den rotbraunen Kopf, und seine Finger bewegten sich langsam, gleichmäßig, als wollten sie jede Beule, jede Locke im Fell einprägen.

Günter blickte einmal in den Rückspiegel. Schnell sah er wieder weg.

Ich fuhr und dachte an die Tapeten im Flur. An die Farbrollen, an die Farbe „Elfenbein“, die wir am Samstag im Baumarkt ausgesucht hatten. In einem Monat würde die Wohnung hell sein. Sauber. Kein Fell auf dem Sofa, kein Krallengeklapper am Morgen.

Das Tierheim lag am Stadtrand, hinter Garagen. Ein graues Gebäude mit einer Eisentür, hinter der es nach Chlor roch, nach nassem Beton und etwas Saurem, Dichtem, bei dem man am liebsten durch den Mund atmete. Aus der Tiefe kam Hundegebell. Nicht laut, nicht böse. Sehnsüchtig, als riefe jemand und glaubte schon nicht mehr, dass ihn jemand hörte.

Eine Frau in einer grünen Schürze kam uns entgegen. Lächelte Bello an, kraulte ihn hinterm Ohr.

„Ein hübscher Kerl, der Rothaarige. Wir werden ihn unterbringen, keine Sorge.“

Max hielt die Leine. Mit beiden Händen, fest, so dass sich der Lederriemen in seine Handflächen schnitt. Die Finger waren rot von der Spannung.

„Max, gib sie her.“

Günter streckte die Hand aus. Eine große Handfläche, die nach Maschinenöl roch, öffnete sich vor dem Gesicht des Jungen.

Max blickte auf die Leine. Dann auf Bello. Dann wieder auf die Leine.

Und öffnete die Finger. Langsam.

Die Frau nahm die Leine und führte Bello den Flur entlang. Der Hund humpelte auf der linken Hinterpfote, und die Krallen klackerten auf den Fliesen, und dieses Geräusch hallte nach, weil der Flur lang und leer war. An der Biegung drehte Bello sich um.

Die Frau bog um die Ecke. Das Klackern wurde leiser, leiser. Und verstummte.

Auf der Rückfahrt setzte sich Max hinter den Fahrersitz. Dort, wo vor zehn Minuten Bello gelegen hatte. Der Bezirk roch noch nach ihm: warmes Fell, Hof, Herbstlaub. Max drückte die Wange an den Sitz und schloss die Augen.

Ich wollte das Radio anschalten. Günter schüttelte den Kopf. Wir fuhren zwanzig Minuten nach Hause. Kein einziges Wort.

Zu Hause zog Max die Schuhe aus, ging an der Küche vorbei und schloss sich in seinem Zimmer ein. Die Tür klickte leise. Einfach ins Schloss gefallen.

Ich räumte die leeren Tüten weg, faltete sie ordentlich zusammen und stopfte sie in den Mülleimer. Dann sah ich den Napf.

Ein roter Plastiknapf mit Bissspuren am Rand. Bello hatte ihn als Welpe zerkaut, als er noch nicht wusste, dass Näpfe nicht dafür da sind. Ich nahm ihn, hielt ihn in der Hand. Das Plastik war leicht und glatt, die Zahnspuren fühlten sich rau an unter den Fingern. Ich stellte den Napf wieder auf den Boden.

Am nächsten Tag fielen mir Merkwürdigkeiten auf.

Max fragte nicht, was es zum Abendessen gab. Er schaltete den Fernseher nicht ein. Er holte kein Heft aus dem Rucksack. Er kam von der Schule, zog die Schuhe aus, ging in sein Zimmer. Leise, wie ein Schatten an der Wand.

Ich klopfte an.

„Max, magst du Nudeln? Mit Käse, wie du sie magst.“

Hinter der Tür knarrte das Bett. Und dann nichts.

Ich stand eine halbe Minute vor der Tür. Lauschte der Stille. Ging weg.

Abends sagte Günter: Er wird sich gewöhnen. Kinder vergessen schnell. In einer Woche rennt er wieder herum wie früher. Er sagte das selbstbewusst, im Flur, wo an der Wand noch eine Kratzspur von Bello zu sehen war, aus dem ersten Monat.

Am fünften Tag rief die Lehrerin an. Ihre Stimme war vorsichtig, wie bei jemandem, der auf dünnem Eis geht.

„Ist bei Ihnen zu Hause alles in Ordnung?“

„Ja, natürlich. Warum?“

„Max meldet sich im Unterricht nicht. Gar nicht. Er sitzt da, starrt aus dem Fenster. In der Pause steht er allein an der Wand. Kinder kommen zu ihm, er schweigt.“

Ich biss mir auf die Lippe.

„Wir haben… wir haben den Hund weggebracht. Ins Tierheim. Er wird sich gewöhnen.“

Die Lehrerin schwieg. Ein paar Sekunden, und in dieser Pause hörte ich mehr als in allen Worten. Dann sagte ihre Stimme:

„Ich verstehe.“

Dieses „Ich verstehe“ hing den ganzen Abend in der Wohnung. Wie der Geruch von Farbe, die man noch nicht geöffnet hat, die aber schon da ist.

Am siebten Tag hörte Max auf, zum Abendessen zu kommen. Ich stellte ihm einen Teller hin. Holte ihn unberührt wieder ab. Die Nudeln kühlten aus und bekamen eine Haut, und das war irgendwie unerträglich.

Günter kaufte Farbrollen und Grundierung. Riss die alte Tapete im Flur ab. Darunter waren die Wände grau, mit Flecken von altem Kleister, und einem Riss vom Boden bis zur Decke, den früher ein Bild mit einem Segelschiff verdeckt hatte. Es roch modrig. Schön wurde es nicht. Und still wurde es auch nicht, denn die Stille war nicht die, die er geplant hatte.

Der rote Napf stand immer noch in der Küche. Ich konnte ihn nicht wegräumen. Dreimal nahm ich ihn, dreimal stellte ich ihn zurück. Beim vierten Mal drehte ich ihn um. Dann stellte ich ihn wieder hin, wie er vorher stand.

Irgendwann ging ich in Maxens Zimmer, während er in der Schule war. Ich wollte aufräumen.

Auf dem Tisch lag eine Zeichnung.

Ein Haus mit einem dreieckigen Dach und einem Schornstein, aus dem Rauch kam. Gewöhnlich, wie alle Kinder es malen. Daneben ein Junge: Striche als Beine, ein runder Kopf, Arme seitlich. Und neben dem Jungen ein rotbrauner Fleck mit vier Beinen und einem Schwanz wie ein Schnörkel. Der Junge und der Hund waren bunt gemalt, mit rotem Filzstift und orangefarbenem Buntstift, mit Druck, so dass das Papier durchgedrückt war.

Aber das Haus war leer. Fenster ohne Vorhänge, die Tür weit offen. Drinnen keine Figuren, keine Möbel. Weiß.

Keine Mama. Kein Papa. Nur weißer Raum hinter der offenen Tür.

Ich setzte mich auf Maxens Bett. Hob die Zeichnung auf, hielt sie näher. Unten, unter dem Haus, stand in krummen, kleinen Buchstaben: „Bello ich komme“.

Ohne Komma. Ohne Punkt. Ein Versprechen, geschrieben von einer Hand, die noch nicht gelernt hatte, „ch“ und „h“ gleichmäßig zu ziehen.

Der Ring an meinem Finger drückte so sehr, dass ich ihn abnahm. Legte ihn auf den Tisch neben die Zeichnung. Und saß da, starrte an die Wand, weil ich nicht an die Tapeten dachte. Nicht an die Farbe „Elfenbein“. Nicht an Fell und Krallen.

Ich dachte daran, dass mein Sohn ein Haus gemalt hatte, in dem ich nicht vorkam.

Am Abend legte ich die Zeichnung vor Günter. Erklärte nichts. Legte sie einfach auf den Tisch, neben seinen Teller.

Er sah lange hin. Dann schob er den Teller weg.

„Wir holen ihn zurück.“

Ich blinzelte.

„Bello. Morgen früh.“

Und das sagte er, nicht ich. Ich hatte erwartet, dass ich diskutieren, überzeugen, mit dem Finger auf die Zeichnung zeigen müsste. Aber Günter starrte auf das leere Haus ohne Menschen, und auf seinem Gesicht bewegte sich etwas, als wüssten die Muskeln nicht, welchen Ausdruck sie annehmen sollten.

„Morgen. Früh.“

Ich nickte. Wollte „Danke“ sagen, aber das Wort blieb stecken. Es gab nichts zu danken. Das war kein Geschenk. Das war der Versuch, zu reparieren, was wir selbst kaputtgemacht hatten.

Am Morgen fuhren wir zum Tierheim. Dieselbe Eisentür. Derselbe Geruch von Chlor und nassem Beton. Die Frau kam uns entgegen, diesmal in einer blauen Schürze, aber das Gesicht war dasselbe.

Bello erkannte uns, sobald wir hereinkamen. Er riss an der Gittertür des Zwingers, winselte, wedelte so heftig mit dem Schwanz, dass sein ganzer Körper wackelte. Er war abgemagert in diesen Tagen: Die Rippen traten unter dem rotbraunen Fell hervor, und die linke Hinterpfote knickte stärker ein als zuvor. Er humpelte uns entgegen, so schnell er konnte.

Günter nahm die Leine. Dieselbe Lederleine, abgenutzt. Seine Handfläche umschloss den Riemen wie gewohnt.

Zu Hause saß Max in seinem Zimmer. Die Tür geschlossen.

Krallen klackerten über die Fliesen im Flur. Leise. Ungleichmäßig, mit einem Aussetzer bei jedem vierten Schritt.

Die Zimmertür öffnete sich.

Max stand im Rahmen. Bello stürzte auf ihn zu, stupste ihn mit der Schnauze in den Bauch, leckte seine Hand, sein Knie, wieder die Hand. Der Schwanz schlug gegen die Wand.

Max ließ sich auf den Boden sinken. Seine Finger gruben sich in das rotbraune Fell, das nach Tierheim roch, nach Chlor, nach Fremdem. Aber darunter war ein anderer Geruch, der alte, echte, der, bei dem sich immer etwas unter den Rippen zusammenzog.

Er sagte das erste Wort seit Tagen:

„Bello.“

Dann hob er den Kopf. Sah mich an. Sah Günter an.

Ich kniete mich neben ihn.

„Mein Schatz…“

Er wich nicht zurück. Aber er drängte sich auch nicht an mich. Er saß nur auf dem Boden, den Hund umarmend, und sah uns an, als sähe er uns zum ersten Mal. Und als wäre er nicht sicher, ob er uns wiedererkannte.

Bello leckte Max unterm Kinn und beruhigte sich. Legte sich neben ihn, die warme Seite an ihn gepresst.

Ich füllte Futter in den roten Plastiknapf mit den Bissspuren am Rand. Bello humpelte in die Küche, die Krallen klackerten, und fraß gierig, hastig. Max saß neben ihm.

Und Günter stand im Flur, wo die abgerissenen Wände nach Modrigkeit und altem Kleister rochen. Die Farbrolle lag in der Ecke, staubbedeckt. Die Grundierung war in der Dose eingetrocknet. Der Riss vom Boden bis zur Decke war immer noch da.

Aus der Küche hörte man das Klappern des Napfs auf dem Boden und Schmatzen.

Günter stand da und sah die Wände an. Die Renovierung hatte sich nicht bewegt. Und jetzt war es egal, ob sie sich bewegte. Denn in diesem Haus musste etwas ganz anderes repariert werden.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: