– Finde dein Schicksal. Keine Eile nötig. Alles hat seine Zeit.

Emilia hat eine alte, leicht skurrile Tradition. Jedes Jahr am Vorabend des Neujahrs geht sie zu einer Wahrsagerin. Da sie in einer Metropole lebt, fällt es ihr leicht, eine neue Wahrsagerin zu finden.

Der Grund ist, dass Greta einsam ist. Wie sehr sie sich auch bemüht, einen edlen jungen Mann kennenzulernen, bleibt sie erfolglos. Es stellt sich heraus, dass alle vornehmen Herren bereits vergeben sind

Dieses Jahr wirst du dein Schicksal treffen! verkündet die sehende Wahrsagerin feierlich, während sie einen funkelnden Kristall betrachtet.

Wo? Wo soll ich ihm begegnen? fragt Greta ungeduldig. Jedes Jahr höre ich das Gleiche. Die Jahre vergehen, doch mein Schicksal hat sich nie gezeigt.

Man hat mich als die beste Wahrsagerin empfohlen. Ich verlange, dass du mir den genauen Ort sagst! Sonst schreibe ich dir eine schlechte Bewertung, droht Greta.

Die Wahrsagerin rollt die Augen. Sie erkennt, dass sie es mit einer nervösen Person zu tun hat, die sich nicht so leicht davon losreißen lässt. Sie weiß, dass, wenn sie jetzt nicht lügt, Greta bis zum Abend warten muss und damit die Schlange der Neugierigen blockiert.

Im Zug! spricht sie mit geschlossenen Augen. Ich sehe ihn klar einen hochgewachsenen Blondmann, unglaublich schön, wie ein Märchenprinz

Wow! jubelt Greta. In welchem Zug und wann genau?

Kurz vor Neujahr! lacht die Wahrsagerin weiter. Geh zum Bahnhof. Dein Herz wird dir zeigen, in welche Richtung du dein Ticket kaufen sollst

Danke! lächelt die glückliche Greta.

Emilia verlässt das WahrsagerinnenBüro, steigt in ein Taxi und eilt zum Hauptbahnhof. Vor dem Schalter schwindet ihr Enthusiasmus ein wenig, weil sie die Fahrpläne nicht entziffern kann.

Bitte!, fordert die Kassiererin mit gereizter Stimme Greta aus ihrer Starre.

Berlin am 30. Dezember, Schlafwagen. stammelt Greta.

Sie stellt sich bereits vor, wie sie in einem gemütlichen Abteil sitzt, Tee trinkt und plötzlich die Tür öffnet sich und ihr Verlobter tritt ein

Zuhause packt Emilia hastig das Nötigste für die Reise, weil ihr Zug erst spät am Abend abfährt.

Sie denkt nicht an die Folgen der Reise, nicht daran, was sie in der fremden Stadt in der Silvesternacht tun wird. Sie will nur eines: dass die Prophezeiung der Wahrsagerin so schnell wie möglich eintrifft.

Denn es fühlt sich schrecklich an, sich nutzlos zu fühlen besonders an den Festtagen. Alle Familien versammeln sich um den Weihnachtsbaum, tauschen Geschenke aus. Alle bis auf sie

Einige Stunden später sitzt Greta im Schlafwagen mit einer Tasse Tee. Alles ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Jetzt bleibt nur noch zu warten, bis der Prinz das Abteil betritt.

Guten Tag! ruft eine ältere Dame, die eine riesige Reisetasche hinter sich herzieht. Wo ist der zweite Platz?

Hier sagt Greta verwirrt und deutet auf das gegenüberliegende Kissen. Sind Sie sicher, dass das Ihr Wagen ist?

Doch, meine Liebe, lächelt die Dame und lässt sich auf das freie Kissen sinken.

Entschuldigen Sie, darf ich vorbei?, stammelt Greta. Ich habe doch beschlossen, nicht zu fahren!

Moment, ich verstaue meine Tasche, sagt die Dame, ohne zu verstehen, was passiert.

Na gut Der Zug fährt. seufzt Greta schwer. Was jetzt?

Warum wolltest du plötzlich aussteigen? Hast du etwas vergessen? fragt die Frau neugierig.

Greta ignoriert die Frage und wendet sich zum Fenster. Sie weiß, dass die Frau nichts falsch gemacht hat und dass sie selbst das Unheil heraufbeschworen hat.

Inzwischen holt Frau Gertrud Braun aus ihrer Tasche noch ein paar warme Hauskekse heraus und bietet sie ihrer Mitreisenden an.

Ich war zu meiner Tochter zu Besuch, erklärt Gertrud. Jetzt eile ich nach Hause, mein Sohn und seine Verlobte kommen zu Besuch. Wir wollen gemeinsam das neue Jahr feiern.

Wie schön Und ich muss wohl doch noch am Bahnhof neues Jahr erleben, bemerkt Greta traurig.

Schritt für Schritt gesteht Greta der alten Dame die ganze Geschichte.

Du bist ein Trottel! Warum rennst du zu diesen Scharlatanen? schimpft die Dame. Du wirst dein Schicksal finden, aber nicht überstürzen. Alles hat seine Zeit

Am nächsten Tag steigt Greta am Bahnsteig einer Stadt aus, die sie zum ersten Mal sieht. Sie hilft der Mitreisenden, aus dem Wagen zu steigen, und bleibt ratlos stehen, was sie nun tun soll.

Danke, Greta! Frohes neues Jahr! sagt Gertrud.

Ihnen auch!, antwortet Greta mit einem schwachen Lächeln.

Die Frau blickt die junge Frau ratlos an, weil sie nicht weiß, wie sie die Betrübte aufmuntern soll. Sie erkennt, dass ein Silvester am Bahnhof kein guter Start ins neue Jahr ist.

Greta, komm zu mir!, schlägt die Dame plötzlich vor. Wir schmücken den Weihnachtsbaum, decken den Festtagstisch

Das ist unangenehm, stottert Greta.

Und am Bahnhof zu sitzen, ist doch bequem?, lächelt die alte Frau. Komm, das ist entschieden!

Greta nimmt das Angebot schließlich an. Gertrud hat recht draußen tobt ein Schneesturm, und ein Umherirren am Bahnhof hat keinen Sinn.

Johann und Leni sind schon zu Hause, lächelt die Dame.

Johann sieht aus dem Fenster, wie seine Mutter im Taxi ankommt. Er steht bereits am Aufzug und eilt, um die schwere Tasche seiner Mutter zu übernehmen.

Johann, hallo, mein Lieber. Und ich bin nicht allein, ich habe Besuch das ist die Tochter einer alten Freundin, Greta, flüstert Gertrud verschwörerisch.

Wunderbar!, ruft Johann. Bitte, kommen Sie rein, Greta.

Greta sieht den hochgewachsenen, gutaussehenden Blondmann und wird rot. Genau dieses Bild hatte sie im Zug vor Augen. Das Schicksal spielt wohl wieder einen fiesen Streich

Wo ist Leni?, fragt die Mutter.

Mama, Leni ist nicht mehr da und wird es nie wieder sein. Ich will das nicht weiter besprechen. Einverstanden? knurrt Johann.

Einverstanden, stottert die Frau.

Am Abend sitzen alle am Tisch und verabschieden das alte Jahr.

Greta, bleibst du lange? lächelt Johann und schiebt ihr einen Salat auf den Teller.

Nein, ich fahre am Morgen wieder, sagt sie mit einem Hauch von Traurigkeit.

Sie will gar nicht so schnell das gemütliche Haus verlassen. Es fühlt sich an, als kenne sie Gertrud und Johann schon ihr ganzes Leben.

Warum so hastig?, protestiert die alte Dame. Greta, bleib noch ein wenig.

Wirklich, Greta, bleib doch. Wir haben eine tolle Eisbahn, morgen Abend können wir zusammen hingehen. Fahr nicht gleich los, bittet Johann.

Ihr habt mich überzeugt, lächelt Greta. Sehr gern bleibe ich.

Am folgenden Neujahr feiern sie zu viert: Gertrud Braun, Johann, Greta und der kleine Felix

Glaubt ihr an Neujahrswunder?

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