Er ging zur Operation, und sie beruhigte ihn schon seit mehreren Tagen davor. Ein geplanter Eingriff, längst überfällig, nichts Dramatisches, es dauert nur ein paar Stunden, so etwas wird routinemäßig durchgeführt. Seine Werte sind gut, sein Herz stark… Sie sagte immer wieder dasselbe, wie ein aufgezogener Spielzeugautomat. Er lächelte, streichelte ihre Hand und schwieg. Und ihr schien, dass er sie nicht hörte, dass sie all das sich selbst erzählte, um sich zu beruhigen und zu erklären.
Tatsächlich war es genauso. Er hörte ihr zu, aber vernahm die Worte nicht. Er beobachtete nur, wie sie sich in der Wohnung bewegte. Wie sie den Tisch deckte. Wie sie den von ihm liebevoll zubereiteten Morgenkaffee trank. Wie sie die Stirn runzelte und sorgenvoll war. Wie sie hundertmal seine Krankenhaussachen im Beutel durchging. Wie sie daran erinnerte, die Schwester im fernen Land anzurufen.
Seit langem lebten sie nur noch zu zweit. Fast die Hälfte ihres Lebens, beim gemeinsamen Leben mit Eltern, Kind und Enkeln. Die Eltern sind begraben, für den Sohn wurde eine Wohnung gekauft. Sie blieben zu zweit und deckten an den Wochenenden, wie früher, die Tische und luden Freunde ein. Im Sommer fuhren sie gemeinsam in den Urlaub. Und sie gingen immer Hand in Hand spazieren.
Die sechzig haben sie überschritten und doch nie losgelassen. Sie waren so eins, dass es keinen Sinn machte, ihre Namen einzeln zu nennen. Was sie zusammen durchstanden haben, wäre eine lange Geschichte. Alles war dabei. Sie wuchs im Waisenhaus auf. Doch plötzlich, als ihr eigenes Kind bereits groß war, tauchte ihre Mutter wieder auf. Krank, verlassen, von niemandem gebraucht. Ohne Zögern nahm sie die Mutter in ihre enge Stadtwohnung auf. Fast alle hielten sie für verrückt. Die Mutter hatte sie im zarten Alter verlassen. Und niemals in ihrem Leben daran gedacht, dass sie eine Tochter hat. Wie konnte sie verstehen, was von ihr verlangt wurde? Soll sie die Mutter nun verlassen? So wie die Mutter sie verlassen hat? Doch es tat ihr weh, all diese Jahre war der Schmerz da! Sie wollte nicht, dass es der Mutter so erginge…
Die Mutter wurde von ihnen beiden gepflegt. Sie war mehrere Jahre bettlägerig, die letzten zwei Jahre ohne Verstand. Doch sie klagten nicht, pflegten sie wortlos, fütterten, tränkten, wechselten Windeln und Bettzeug, versorgten sie medizinisch…
Sie konnte alles bewältigen. Wenn er an ihrer Seite war. Und nichts machte ihr Angst. Wenn er an ihrer Seite war.
Zur Operation begleitete sie ihn. Und saß vor der Tür. Wartete. Eine harmloser Eingriff, aber trotzdem voller Sorgen. Er war nie ernsthaft krank. Und es war seltsam für sie dazusitzen und das Ende seiner Operation abzuwarten.
Mechanisch griff sie in ihre Handtasche, ertastete einen Umschlag. Verwundert fragte sie sich, wie der da hineingekommen war. Sie zog ihn heraus. Noch verwunderter stellte sie fest – ein Brief von ihm. Wann hatte er den geschrieben? Wann hatte er ihn in die Tasche gesteckt? Sie waren doch die ganze Zeit zusammen gewesen, sie hätte es bemerkt.
Sie las ihn. Ein sehr seltsamer Brief. Es schien, als verabschiedete er sich. Sie saß da, unfähig, sich zu rühren. Sie verstand alles. Noch bevor die Ärzte den Operationssaal verließen.
Die harmlose Operation überstand er nicht. Sein Herz blieb stehen. Dieses Herz, das doch gesund war und nie Probleme gemacht hatte.
Und dann, nach den Beerdigungen, dem Baldrian, der Leere, dem unerträglichen Schmerz, zog sie eine Jacke aus dem Schrank und ertastete im Taschenbeutel einen Zettel. Ein lustiger Notizzettel. Von ihm. Es wurde ihr schwarz vor Augen. Sie griff in die andere Tasche, des Wintermantels. Auch dort ein Zettel. Mit einer gezeichneten lustigen Grimasse.
In ihrer Wohnung fand sie unzählige dieser Zettel von ihm. Geschrieben vor dem Herzstillstand auf dem Operationstisch. Und von ihr nach der Beerdigung gefunden.
Anfangs weinte sie, konnte sie nicht lesen, denn schon sein Schriftzug verursachte physischen Schmerz… Später begann sie zu lesen. Er scherzte, machte ihr Mut, fragte, spekulierte, bedauerte, liebte… Er war lebendig und wie früher, in diesen Zetteln.
Und sie schaute mir in die Augen und sagte plötzlich: „Verstehst du, es ist mir sogar peinlich, dir das zu gestehen. Peinlich, wenn um einen herum so viel Kummer und Probleme sind, wenn es so etwas scheinbar nicht gibt, wenn alle über andere klagen… Verstehst du, ich war als Frau sehr glücklich. Sehr. Ich kann es nicht erzählen. Aber ich war sehr glücklich.”
Und zehn Jahre lang, jeden Abend, liest sie seine kleinen Zettel. Die, die sie in der Wohnung noch lange fand. Die, die ihr damals halfen, nicht den Verstand zu verlieren. Die, die weiterhin seine Wärme bewahren. Und seine Liebe.