Eine arme alte Frau versorgte monatelang zwei hungrige Kinder mit Essen… dann verschwanden sie ohne ein Wort des Abschieds. Zwanzig Jahre später kam die Wahrheit ans Licht.

Eine arme alte Frau fütterte monatelang zwei hungernde Kinder dann verschwanden sie ohne Abschied. Zwanzig Jahre später kam die Wahrheit ans Licht.

Auf dem kleinen Wochenmarkt am Marktplatz in der Nürnberger Südstadt verkaufte eine alte Frau namens Frau Hannelore Baumann gekochte Kartoffeln mit Salz und Petersilie. Viel verdiente sie nicht, aber es reichte für ein ruhiges Leben in ihrer bescheidenen Altbauwohnung.

Eines Morgens, während sie ihren Korb mit dampfenden Kartoffeln ordnete, rollte eine davon zu Boden.

Ihre Kartoffel ist gefallen, gnädige Frau.

Frau Hannelore drehte sich um. Vor ihr standen zwei Jungen, die sich aufs Haar glichen. Mager, mit eingefallenen Wangen und viel zu großen Jacken für ihre schmalen Schultern. Einer hob die Kartoffel achtsam auf, rieb sie an der Hose ab und reichte sie zurück. Der andere starrte unverwandt in die kochenden Töpfe.

Danke murmelte Hannelore sanft. Was treibt euch eigentlich hierher? Ich hab euch heute schon öfter gesehen.

Der ältere von beiden zuckte kaum sichtbar mit den Schultern.

Ach wir schauen nur.

Hannelore kannte dieses wir schauen nur zu gut. Das war die Art, wie hungrige Kinder ihre Scham hinter Floskeln verbargen.

Ohne viele Worte nahm sie zwei heiße Kartoffeln, wickelte sie in Zeitungspapier und legte noch eine saure Gurke dazu.

Kommt morgen ruhig wieder, sagte sie beiläufig. Ihr könnt mir beim Kistenschleppen helfen, was meint ihr?

Die Jungen griffen das Päckchen schnell, sagten kein Wort des Dankes. Sie nickten, und verschwanden gleich.

Am selben Nachmittag tauchten sie wieder auf. Hannelore mühte sich gerade mit einem vollen Wasserkanister ab. Doch ehe sie etwas sagen konnte, griffen die beiden Jungen zu und schleppten den Behälter hinter ihren Stand.

Der ältere zog zwei alte Pfennigmünzen aus der Jacke.

Die gehörten unserem Vater, meinte er leise. Er war Bäcker bis er fort musste.

Er hielt Hannelore die Münzen hin.

Wir können sie nicht hergeben aber Sie dürfen sie anschauen.

Hannelore verstand sofort: Das war ihr ganzer Schatz.

Behaltet sie lieber, lächelte sie. Bäcker brauchen immer ein bisschen Glück.

Von da an kamen die Jungen täglich.

Sie hießen Emil und Jakob Weber.

Frau Hannelore gab ihnen Essen, das sie von zu Hause mitgebracht hatte: Erbsensuppe, Schwarzbrot, manchmal ein Stück Hartkäse. Dafür packten sie beim Stand an, trugen Kartoffelsäcke, sortierten Kisten, putzten die Auslage.

Sie aßen rasch, schweigend, als könnte ihnen jederzeit jemand alles entreißen.

Eines Tages fragte Hannelore:

Wo schlaft ihr eigentlich?

In einem alten Kellerverschlag an der Industriestraße, antwortete Jakob. Da ist es trocken keine Sorge.

Natürlich mache ich mir Sorgen, sagte Hannelore ernst. Deshalb frage ich ja.

Emil hob den Kopf.

Wir sind keine Bettler, meinte er stolz. Wir wollen mal eine Bäckerei aufmachen. Wie unser Vater.

Hannelore nickte langsam.

Sie fragte fortan nicht mehr.

Es war etwas Besonderes an diesen Kindern: Diese stille Würde, die eigentümliche Disziplin, die Kindern fremd ist.

Doch auf dem Markt war einer, dem das alles missfiel.

Herr Jürgen Malz, der Marktaufseher.

Seine Frau betrieb einen kleinen Stand für getrockneten Fisch, aber kaum jemand kaufte dort. Dagegen waren vor Hannelores Kartoffelstand ständig Menschen.

Jedes Mal, wenn er vorbeilief, knurrte er missmutig:

Spielst du jetzt die Heilige? Bettelkinder futtern lassen

Hannelore presste die Lippen zusammen, tat, als höre sie nichts.

Sie wusste: Jürgen konnte Ärger machen. Und wenn das passierte, wären Emil und Jakob die ersten, die es zu spüren bekämen.

Seitdem gab sie ihnen das Essen diskreter.

Sie reichte das Essen in einer Tüte, als sei es eine Bestellung. Manchmal winkte sie sie hinter den Stand.

Die Jungen bemerkten die Veränderung.

Aber sie fragten nie.

Eines kalten Nachmittags, als der Markt schon fast leer war, sprach Emil erstmals das Thema an:

Es ist wegen dem Aufseher, nicht?

Hannelore zögerte, dann nickte sie.

Ich will nicht, dass ihr Ärger bekommt. Es gibt Leute, die verstehen nicht, warum man anderen hilft.

Jakob warf sich den Kartoffelsack über die Schulter.

Wenn es uns zu riskant wird dann kommen wir nicht mehr.

Ganz ruhig hatte er das gesagt.

Aber Hannelores Herz wurde schwer.

Wir schaffen das schon.

Das hieß: Kälte.

Hunger.

Nächte auf der Straße.

Der Winter kam früh jenes Jahr.

Auf dem Markt wurden die Stände immer leerer, die Kunden weniger, das Geld knapper.

Emil und Jakob kamen seltener.

An manchen Tagen tauchte nur einer mit klammen roten Händen auf. An anderen gar keiner.

Hannelore schaute jeden Morgen gedankenverloren zum Ende der Straße.

Bis eines Tages da blieben sie fort.

Auch am nächsten Tag. Und am übernächsten.

Nach einer Woche ging Hannelore zur Industriestraße. Sie fragte die Anwohner. Jemand meinte, der Keller sei nach einer Anzeige verriegelt worden.

Die Jungs seien in jener Nacht verschwunden.

Keiner konnte sagen, wohin.

Frau Hannelore setzte sich auf eine Bank und blickte lange auf das Pflaster.

Ihr Herz war schwer.

Dann ging sie langsam nach Hause.

Das Leben, das bleibt nicht stehen für niemanden.

Jahre vergingen.

Der kleine Nürnberger Markt wurde immer stiller, bis er ganz schloss. Frau Hannelore ging in Rente, wohnte weiter in ihrer engen Wohnung.

Ab und an, wenn sie Kartoffeln nur für sich schälte, dachte sie an Emil und Jakob.

Ob sie es geschafft hatten.

Ob sie zusammen geblieben waren.

Ob ihr Traum von der eigenen Bäckerei den Hunger und die Kälte überlebt hatte.

Mit niemandem sprach sie je darüber.

Doch vergessen das konnte sie nie.

Eines Morgens im Herbst, viele Jahre später, hörte sie ein merkwürdiges Geräusch unter dem Fenster.

Zwei glänzende schwarze BMW standen vor dem Eingang.

Hannelore runzelte die Stirn. Sie vermutete einen Irrtum.

Kurz darauf läutete es.

Vorsichtig öffnete sie.

Vor der Tür standen zwei große, gepflegte Männer, einander zum Verwechseln ähnlich.

Sind Sie Frau Hannelore Baumann? fragte einer.

Ja das bin ich.

Der andere lächelte sanft.

Wir sind Emil und Jakob.

Zwei elegante Männer an Hannelores Tür und kaum fielen ihre Namen, durchzog zwanzig Jahre Vergangenheit den Raum. Was dann geschah, raubte der alten Dame fast den Atem

Teil 2

Ein paar Sekunden lang brachte Hannelore kein Wort heraus.

Sie erkannte sie nicht an den Gesichtern.

Sie erkannte sie an ihrem Blick.

Dieser ernste Ausdruck war derselbe wie damals, als die Kinder hungernd am Markt standen.

Wir haben jahrelang nach Ihnen gesucht, sagte Jakob. Wir wussten nicht, ob Sie hier noch wohnen.

Hannelores Beine zitterten, sie musste sich am Türrahmen festhalten.

Wir haben erst eine Bäckerei eröffnet, fuhr Emil fort, dann noch eine und dann wieder eine.

Sie traten in die kleine Wohnung.

Jakob zog aus der Tüte ein frisches Roggenbrot und legte es auf den Tisch.

Der warme Duft füllte das Zimmer.

Für einen Moment war es, als ob die Zeit zwanzig Jahre zurücksprang.

Ich hab euch doch nur ein paar Kartoffeln gegeben flüsterte Hannelore.

Emil schüttelte langsam den Kopf.

Nein, Frau Baumann.

Sie haben uns Würde gegeben.

Jakob ergänzte:

Sie haben uns als Menschen gesehen, als uns niemand sehen wollte.

Ohne das wären wir nirgendwo hingekommen.

Sie sprachen viele Stunden lang.

Sie erinnerten sich an die harten Jahre, an schlecht bezahlte Jobs, an die Nächte in leerstehenden Lagerhäusern. Sie erzählten, wie ein alter Bäcker ihnen die erste Chance gab und dass sie ihr Versprechen, das sie als Jungs gegeben hatten, nie vergaßen.

Wenn sie es je schaffen würden

würden sie die Frau suchen, die ihnen zu essen gab, als sie nichts hatten.

Am Ende, als die Männer gingen, blieb Hannelore lange an der Tür stehen.

Sie drückte das noch warme Brot an ihre Brust.

Und zum ersten Mal seit vielen Jahren spürte sie diese Gewissheit:

Die einfachen Kartoffeln, die sie einst auf einem alten Markt verschenkte,

hatten zwei Leben verändert.

Und ihres auch.

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