Nun, Rotz, wollen wir losgehen, knurrte Wolfgang, während er das improvisierte Leinenband aus altem Seil zurechtzog.
Er zog die Jacke bis zum Hals hoch, fröstelte und spürte, wie der Februar dieses Jahres besonders erbarmungslos war Schnee und Regen mischten sich zu einer grauen, schneidenden Decke, der Wind bohrte bis in die Knochen.
Rotz ein Mischlingshund mit ausgewaschenem, rötlichbraunem Fell und einem einzigen blinden Auge war ein Jahr zuvor in Wolfgangs Leben getreten. Wolfgang kam damals nach einer Nachtschicht im Stahlwerk zurück und sah den Hund an den Müllcontainern stehen. Der Hund war verprügelt, hungrig, das linke Auge trüb vor Schmerzen.
Hey, du Kerl! Wohin mit deiner Hündin?, dröhnte eine Stimme, die sofort an Wolfgangs Nerven zerriss. Er kannte den Sprecher Stefan Krause, ein örtlicher Macher um die fünfundzwanzig, stets umzingelt von drei jungen Kumpanen, seiner Gang.
Ich spaziere, antwortete Wolfgang knapp, ohne aufzusehen.
Und zahlst du eigentlich Steuern, um diesen Hund hier rumzulaufen zu lassen?, lachte einer der Knaben. Schau dir das krumme Auge an das ist ja ein richtiger Schandfleck!
Ein Stein flog durch die Luft, traf Rotz am Flanken. Der Hund jaulte, drückte sich an Wolfgangs Bein.
Lass mich in Ruhe, murmelte Wolfgang, doch seine Stimme klang wie geschmiedetes Eisen.
Oh, der alte Kübelmann spricht!, sprang Stefan näher. Denkst du, du bist hier allein? In meinem Viertel gehen die Hunde nur mit meiner Erlaubnis raus.
Wolfgang spannte sich an. In der Bundeswehr hatte man ihm beigebracht, Probleme schnell und entschieden zu lösen aber das war dreißig Jahre her. Jetzt war er ein müder Schlosser im Ruhestand, der keine unnötigen Schwierigkeiten wollte.
Komm, Rotz, drehte er sich zur Wohnung.
Genau das!, rief Stefan ihm nach. Beim nächsten Mal erledige ich deinen Kumpel endgültig!
In der Nacht wälzte Wolfgang die Szene immer und immer wieder in seinem Kopf, bis er kaum noch schlafen konnte.
Am nächsten Morgen fiel schwerer, nasser Schnee. Wolfgang schob den Spaziergang vor sich her, doch Rotz saß an der Tür, sah ihn mit so treuer Hingabe an, dass Wolfgang schließlich nachgab.
Na gut, aber nur kurz.
Sie gingen vorsichtig, umgingen die bekannten Treffpunkte der Jungschar, doch Stefans Bande war nirgends zu sehen offenbar hatten sie sich vor dem Unwetter versteckt.
Gerade als Wolfgang sich zu entspannen begann, stoppte Rotz plötzlich vor einer verlassenen Heizungsanlage. Er spitzte das eine funktionierende Ohr, schnüffelte.
Was liegt an, alter Freund?, fragte er.
Der Hund jaulte, zog an der Leine Richtung Trümmer. Aus den Ruinen drangen seltsame Geräusche ein Wispern, ein Stöhnen.
Hey! Wer ist da?, rief Wolfgang.
Keine Antwort, nur das Heulen des Windes füllte die Stille.
Rotz zog beharrlich weiter, sein einziges gutes Auge glühte vor Alarm.
Was willst du?, bückte sich Wolfgang zu dem Hund. Was ist dort?
Da hörte er plötzlich eine klare Kinderstimme:
Hilfe!
Wolfgangs Herz schlug bis zum Hals. Er lockerte das Leinenband und folgte Rotz zu den Trümmern.
Im halb eingestürzten Heizungsraum, hinter einer Mauer aus Ziegeln, lag ein zwölfjähriger Junge. Das Gesicht war zerschmettert, die Lippe zerrissen, die Kleidung zerrissen.
Gott im Himmel!, setzte Wolfgang sich neben ihn. Was ist passiert?
Onkel Wolfgang?, stammelte der Junge. Bist du du?
Wolfgang sah genauer hin und erkannte Andreas Möller, den Sohn der Nachbarin aus dem fünften Stock. Ein stiller, schüchterner Junge.
Andi! Was ist geschehen?
Stefan und seine Bande, schluchzte der Junge. Sie haben Geld von meiner Mutter erpresst. Ich wollte die Polizei rufen, und sie haben mich gefangen…
Wie lange liegst du hier?
Seit morgens. Es ist eiskalt.
Wolfgang zog seine Jacke aus, legte sie über den Jungen. Rotz kam näher, legte sich an ihn und wärmte ihn mit seinem Körper.
Andi, kannst du aufstehen?
Mein Bein tut weh. Es scheint gebrochen zu sein.
Wolfgang tastete vorsichtig das Bein ab es war tatsächlich ein Bruch, und innere Verletzungen waren nicht auszuschließen.
Hast du ein Handy?
Wurde mir weggenommen.
Wolfgang zog sein altes Nokia hervor und wählte 112. Der Rettungsdienst versprach, in einer halben Stunde zu kommen.
Halte durch, Junge. Die Ärzte sind bald da.
Und wenn Stefan erfährt, dass ich noch lebe?, flüsterte Andreas ängstlich. Er hat gesagt, er wird mich fertig machen.
Er wird dich nicht mehr erreichen, sagte Wolfgang fest. Er wird dich nicht mehr berühren.
Der Junge sah ihn überrascht an.
Onkel Wolfgang, aber gestern sind Sie doch selbst weggelaufen, weil sie Sie bedroht haben.
Das war damals ein anderer Fall. Damals ging es nur um mich und Rotz. Jetzt, Wolfgang brach ab. Was hätte er noch sagen sollen? Dass er vor dreißig Jahren geschworen hatte, die Schwachen zu schützen? Dass er in Afghanistan gelernt hatte, ein echter Mann lässt ein Kind niemals im Stich?
Der Rettungswagen kam schneller als angekündigt. Andreas wurde ins Krankenhaus gebracht. Wolfgang blieb vor der Heizungsanlage stehen, Rotz an seiner Seite, und dachte nach.
Am Abend kam Andreas Mutter, Gisela Peters, zu ihm. Sie schluchzte, dankte und schwor, ihn nie zu vergessen.
Herr Wolfgang, die Ärzte sagten, wenn er noch eine Stunde im Frost gelegen hätte, wäre es zu spät. Sie haben ihm das Leben gerettet!
Nicht ich, streichelte Wolfgang Rotz. Du hast Ihren Sohn gefunden.
Und was jetzt?, fragte Gisela zitternd. Stefan wird nicht ruhen. Der Bezirksinspektor sagt, es gibt keine Beweise, die Aussage eines Kindes zählt nicht.
Es wird alles gut, versprach Wolfgang, obwohl er selbst nicht wusste, wie.
In der Nacht wälzte er die Gedanken im Kopf wie sollte er das Kind schützen? Wie viele weitere Kinder litten unter den Gewalttaten dieser Bande?
Am Morgen kam ihm die Lösung wie ein Traum.
Wolfgang zog seine alte Soldatenuniform an die Paradeuniform mit Orden. Er holte die Medaillen aus dem Schrank, blickte ins Spiegelbild. Ein Soldat, auch wenn er nicht mehr jung war.
Komm, Rotz. Wir haben Arbeit.
Stefans Bande stand wie üblich vor dem Kiosk. Als sie Wolfgang sahen, kicherten sie.
Oh, der alte Ritter hat sich zum Marsch angemeldet!, rief einer. Seht nur, welcher Held!
Stefan sprang von der Bank, grinste breit.
Halt, Rentner, hau ab. Deine Zeit ist vorbei.
Meine Zeit beginnt gerade erst, antwortete Wolfgang ruhig und trat näher.
Was soll das? Was hast du hier in deiner Lumpenmontur?
Den Vaterland dienen. Die Schwachen schützen Menschen wie dich.
Stefan lachte laut.
Und wer ist das, ein alter Knacker? Was soll das für ein Vaterland?
Andreas Möller erinnerst du dich?
Stefans Grinsen erstarb.
Warum sollte ich mich an irgendwelche Gammelkindern erinnern?
Weil er das letzte Kind ist, das hier von deiner Hand verletzt wurde.
Du willst mich bedrohen, Opa?
Ich warne dich.
Stefan zog ein spitzes Messer. Jetzt zeig ich dir, wer hier das Sagen hat!
Wolfgang wich keinen Zentimeter zurück. Die Jahre hatten die Militärausbildung nicht ausgelöscht.
Hier gilt das Gesetz.
Welches Gesetz?, fuchtelte Stefan. Wer hat dich dazu ernannt?
Meine eigene Schuld.
Plötzlich stand Rotz, der die ganze Zeit still gesessen hatte, auf. Das Fell am Nacken sträubte sich, ein tiefes Knurren entwich ihm.
Und deine Hündin, begann Stefan.
Meine Hündin hat in Afghanistan gekämpft, riss Wolfgang ein. Minen- und Aufklärungshund. Sie spürt das Böse im Inneren.
Das war natürlich nicht wahr Rotz war nur ein Streuner. Doch Wolfgang sprach so überzeugend, dass alle glaubten, sogar Rotz schien zu nicken.
Sie hat zwanzig Gegner gefunden und lebendig erlegt, fuhr Wolfgang fort. Glaubst du, sie könnte einen einzelnen Drogendealer besiegen?
Stefan wich zurück, die Jungs hinter ihm erstarrten.
Hör mir gut zu, sagte Wolfgang und trat einen Schritt vor. Von heute an ist dieses Viertel sicher. Ich werde jeden Tag die Straßen patrouillieren, und meine Hündin wird das Unrecht erschnüffeln. Dann
Er ließ den Satz offen, doch alle verstanden.
Willst du mich einschüchtern?, versuchte Stefan seine Fassade wieder aufzubauen. Ein Anruf genügt
Ruf, nickte Wolfgang. Aber denk dran meine Verbindungen reichen weiter als deine. Ich kenne jedes Gefängnis, jede Schuld, die du hast.
Das war ebenfalls ein Trugbild, doch es hielt.
Ich bin Wolfgang, der Afghanistankämpfer, erklärte er zum Schluss. Merke dir das. Und laß die Kinder in Frieden.
Er drehte sich um, ging davon, Rotz stolz an seiner Seite, den Schwanz hoch erhoben.
Stille kroch hinter ihnen heran.
Drei Tage später war Stefan und seine Truppe kaum noch zu sehen.
Wolfgang hielt sein Versprechen er streifte täglich durch die Höfe, Rotz folgte ihm, ernst und würdevoll.
Andreas wurde nach einer Woche aus dem Krankenhaus entlassen. Das Bein schmerzte noch, aber er konnte wieder gehen. Noch am selben Tag besuchte er Wolfgang zu Hause.
Onkel Wolfgang, darf ich euch helfen?, fragte er. Bei den Patrouillen.
Gern, aber sprich zuerst mit deinen Eltern.
Gisela stimmte zu; sie war froh, dass ihr Sohn ein Vorbild gefunden hatte.
Von da an war jeden Abend eine seltsame Truppe zu sehen ein greiser Mann in Uniform, ein Junge und ein alter, roter Hund.
Rotz wurde von allen geliebt. Selbst die Mütter erlaubten ihren Kindern, ihn zu streicheln, obwohl er ein Straßenhund war. Doch in ihm lag etwas Besonderes eine Würde, die kaum Worte fand.
Wolfgang erzählte den Jugendlichen von der Armee, von echter Kameradschaft. Sie lauschten gebannt.
Eines Abends, nach einem Rundlauf, fragte Andreas:
Onkel Wolfgang, habt ihr euch jemals gefürchtet?
Ja, antwortete Wolfgang ehrlich. Und manchmal noch.
Wovor?
Vor dem Versagen. Vor dem Verlust der Kraft.
Andreas streichelte Rotz.
Ich will groß werden und euch helfen. Ich will auch einen Hund, so klug wie deiner.
Das wird passieren, lächelte Wolfgang. Ich bin mir sicher.
Rotz wedelte nur mit dem Schwanz.
Im Viertel flüsterte man bald: Das ist Wolfgangs Afghanenhund, er unterscheidet Helden von Schurken. Und Rotz trug seine Pflicht mit Stolz, wissend, dass er nicht mehr nur ein Streuner war, sondern ein Beschützer.