— Du wirst meiner Mutter die Füße küssen! Verstanden? Sie ist jetzt deine Herrin, Gebieterin und persönliche Göttin! Und wenn du störrisch bist, schicke ich dich ins Krankenhaus!

„Gunda, mach bitte einen stärkeren Kaffee, ja? Einen, der richtig wach macht.“

Bastians Stimme, vom Schlaf noch ein wenig rau, dringt aus dem Schlafzimmer und flutet die kleine Küche mit warmer, wohliger Vertrautheit. Gunda lächelt. Diese erste Woche ihres gemeinsamen Lebens nach der Hochzeit fühlt sich an wie ein perfekter Werbespot: verschlafenes Aufwachen, gemütliches Frühstück, leichte Küsse an der Tür, wenn er zur Arbeit geht. Sie streut zwei Löffel mehr von dem aromatischen, dunklen Pulver in den Filter als sonst. Alles für ihn. Diese ganze Welt, die nach frisch gebrühtem Kaffee und ihrem Parfum duftet, gehört jetzt ihnen. Ihre Handfläche gleitet über die glatte Fläche der neuen Arbeitsplatte, und in ihrem Inneren flattert ein stilles, beinahe kindliches Glück. Sie hat ihren Samstag längst geplant: bis mittags im Bett liegen, Laptop auf dem Bauch, eine alberne Serie; dann etwas Kompliziertes und Leckeres kochen; abends die Flasche Wein öffnen, die sie zur Hochzeit geschenkt bekommen haben. Einfach nur zu zweit sein. Einander aufsaugen.

Bastian kommt in die Küche, schon angezogen, Jeans und T-Shirt. Er schlingt die Arme von hinten um sie und vergräbt das Gesicht in ihren Haaren. Er riecht nach Duschgel und dieser morgendlichen Selbstsicherheit.

„Mach dich fertig“, sagt er und küsst ihre Schläfe. „Wir fahren zu Mutti. Ich muss ihr helfen, die Möbel zu schieben. Sie hat eine Umräumaktion gestartet, allein schafft sie das nicht.“

Die Worte fallen in die morgendliche Idylle wie kleine Steine in ruhiges Wasser und lassen Ringe aus Verwirrung zurück. Gunda dreht sich langsam in seiner Umarmung. Sie sieht sein Gesicht – vertraut, geliebt, mit dem winzigen Muttermal neben dem Mundwinkel. Aber in seinem Ton liegt etwas Selbstverständliches, beinahe Rohes, das sie stutzig macht.

„Bastian, nicht heute, ja?“, versucht sie es so sanft wie möglich, nicht wie eine Ablehnung, sondern wie ein Angebot. „Ich bin diese Woche so fertig. Ich dachte, wir bleiben zu Hause und erholen uns. Vielleicht morgen oder am nächsten Wochenende?“

Er erstarrt. Seine Hände, die eben noch auf ihrer Hüfte lagen, werden schwer, als hätten sie jede Wärme verloren. Das Lächeln verschwindet so schnell von seinem Gesicht, als hätte jemand es mit einem Radiergummi entfernt. Und an seiner Stelle erscheint nichts – kein Ärger, keine Enttäuschung. Nichts als Leere. Er sieht sie an, und zum ersten Mal sieht Gunda diesen Blick. Der freundliche, verständnisvolle, immer kompromissbereite Freund, der sie das ganze letzte Jahr ins Kino ausgeführt und Blumen geschenkt hat, ist weg. Vor ihr steht ein völlig Fremder mit kalten, farblosen Augen.

Er tritt einen Schritt zurück, beinahe elegant, als wolle er sie aus einer neuen Perspektive begutachten. Dann tritt er ihr ganz nah. Seine Hand schießt hoch, und die Finger, die noch vor einem Augenblick sanft durch ihr Haar gestrichen sind, packen ihr Kinn. Sie drücken nicht fest zu, aber der Griff ist schmerzhaft und demütigend, zwingt ihren Kopf nach oben. „Was hast du gesagt?“

Er schreit nicht. Er zischt. Das Geräusch kommt aus den Tiefen seiner Brust, tief und vibrierend, wie das Knurren eines Tieres, das man unsanft geweckt hat. Gunda schweigt, wie gelähmt – nicht von dem Griff, sondern von dieser grauenhaften, jähen Verwandlung. In seinen eiskalten Pupillen spiegelt sich ihr eigenes erschrockenes Gesicht. Und dann, ohne zu blinzeln, sagt er Sätze, die ihr Leben in ein Davor und Danach teilen.

„Gut, dann sage ich eben, dass ich müde bin und mit dir allein sein will. Und deine Mutti kann warten, ehrlich gesagt, das wird sie überleben. Ich fahre heute nirgendwo hin, um irgendetwas für deine Mutter oder sonst jemanden zu tun.“

„Du wirst meiner Mutter die Füße küssen! Kapiert? Sie ist ab jetzt deine Herrschaft, deine Herrin, deine persönliche Göttin! Und wenn du störrisch wirst, sorge ich dafür, dass du im Krankenhaus landest!“

Er lässt ihr Kinn so abrupt los, wie er es gepackt hat. Auf ihrer Haut bleiben rote Abdrücke seiner Finger zurück. Auf seinem Gesicht blüht ein hämisches, triumphierendes Grinsen auf. Er sieht ihren Schock, ihr versteinertes Gesicht, und es bereitet ihm sichtlich Vergnügen. Er hat gesiegt. Er hat die Regeln festgelegt. Und sie, Gunda, steht mitten in ihrer neuen, nach Kaffee duftenden Küche und begreift mit absolutem, ohrenbetäubendem Klarblick, dass ihr glückliches Eheleben gerade zu Ende gegangen ist, bevor es überhaupt angefangen hat.

Die Stille nach seinen Worten ist nicht leer. Sie ist dicht, schwer, wie ein Vakuum, das aus der Küche nicht nur den Ton, sondern auch die Luft gesaugt hat. Gunda starrt ihn an, dieses boshafte, triumphierende Grinsen, und spürt, wie in ihr etwas abreißt und polternd in den Abgrund stürzt. Das ist keine Angst. Die Angst war vorhin, als seine Finger ihr Kinn umklammert haben. Jetzt ist sie einen anderen Zustand: kalt, klar, fast mathematisch. Das Spiel, das sie gespielt hatte, endet. Jetzt beginnt ein neues, und die Regeln bestimmt er.

Sie atmet kaum merklich ein. Eis läuft ihr statt Blut durch die Adern. Sie sieht die abkühlende Kaffeemaschine, die für ein glückliches Familienfrühstück gedacht war. Dann nimmt sie sie, geht zum Spülbecken und schüttet die dunkle Flüssigkeit mit einer präzisen, ruhigen Bewegung in den Abfluss. Kein Tropfen geht daneben.

„Gut“, sagt sie. Ihre Stimme ist vollkommen ruhig, ohne ein Zittern. „Ich mache mich fertig.“

Bastian, der Tränen, Geschrei, Flehen erwartet hat – irgendetwas, das seinen vollständigen und bedingungslosen Sieg bestätigt –, ist verwirrt. Diese ruhige, sachliche Folgsamkeit zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Sein triumphales Grinsen wirkt plötzlich unsicher, fast dumm angesichts dieser eisigen Beherrschtheit. Er beobachtet schweigend, wie sie sich umdreht und die Küche verlässt. Keine Hektik, keine Wut, keine Kränkung. Sie bewegt sich wie eine Maschine, die einen neuen Befehl bekommen hat und ihn nun makellos ausführt.

Im Schlafzimmer öffnet sie den Kleiderschrank. Ihre Hand gleitet an dem Lieblingshoodie vorbei und greift nach einer strengen dunkelblauen Bluse und einer klassischen Stoffhose. Das ist keine Kleidung zum Möbelrücken. Das ist eine Uniform. Rüstung. Sie zieht sich schnell an, ohne eine überflüssige Bewegung. Ihr Spiegelbild zeigt eine fremde, fokussierte und sehr gefährliche Frau. Als sie sich die Haare kämmt, bleibt ihr Blick an dem Hochzeitsfoto auf der Kommode hängen. Zwei glückliche, lächelnde Gesichter. Sie schaut eine Sekunde, zwei, dann wendet sie sich ab. Das Foto gehört zu einem anderen Leben, einer anderen Welt. Es hat nichts mehr mit ihr zu tun.

Als sie in den Flur zurückkehrt, Schuhe, Jacke, Tasche über der Schulter, steht Bastian noch immer an den Türrahmen gelehnt. Er versucht, sein Gesicht wieder in diese herrschaftliche Maske zu zwingen, aber in seinen Augen steht Unsicherheit.

„So schnell fertig?“, fragt er, um seine Verunsicherung mit Spott zu überdecken.

„Ja. Fahren wir?“

Ihre Antwort klingt so neutral wie eine Ansage vom Anrufbeantworter. Sie schenkt ihm keine Emotionen, an denen er sich laben kann. Sie nimmt ihm die Möglichkeit, ihre Erniedrigung zu genießen. Die ganze Fahrt zum Haus seiner Mutter verbringen sie in diesem dicken, zähen Schweigen. Das ist keine wohlige Stille, in der Worte überflüssig sind. Das ist Krieg. Lautlos, aber umso grausamer. Bastian umklammert das Lenkrad, die Knöchel weiß. Mehrmals öffnet er den Mund, will etwas sagen, eine weitere Beleidigung ausspucken, aber ihr undurchdringliches Profil lässt ihn verstummen. Sie starrt nicht aus dem Fenster. Sie schaut geradeaus. Aber ihr Gehirn arbeitet fieberhaft. Sie trauert nicht um den zerstörten Traum. Sie studiert ihren Feind. Sie erinnert sich an jedes Wort, jede Geste, jeden Tonfall. Sie analysiert, ordnet ein, baut logische Ketten. Der liebevolle Bastian war eine Illusion. Der echte ist das: kalt, grausam, manipulativ. Um neben ihm zu überleben, muss sie verstehen, wie er funktioniert. Sie ist nicht mehr seine Ehefrau. Sie ist eine Entomologin, die mit kühler Neugier ein widerliches, aber faszinierendes Insekt seziert.

Als das Auto vor dem grauen Mehrfamilienhaus hält, atmet Gunda fast unhörbar aus. Die erste Etappe ist geschafft. Sie hat durchgehalten. Jetzt wartet das Revier derer, der sie ihre „Göttin“ nennen soll. Und sie weiß: Die Prüfung beginnt erst.

Die Tür öffnet Edeltraud Krüger. Eine kleine, drahtige Frau mit perfekt frisierten, von Haarspray steifen Locken und einem Lippenstift, der für ihr Alter zu grell ist. Die Wohnung hinter ihr riecht nicht nach Gemütlichkeit, sondern nach Sterilität: scharfes Möbelpolitur, Raumspray mit „Frühlingswiese“ und etwas schwer Bestimmbarem aus der Apotheke, wie Kampfer. Das ist kein Zuhause, sondern ein Museum, in dem jedes Stück – die Porzellanfigur auf der Anrichte, der ordentlich gestapelte Stapel Zeitschriften auf dem Beistelltisch – seinen Platz kennt.

„Gunda, mein Schatz! Ich warte schon so auf euch!“ Ihre Stimme klingt süß wie überreifer Pfirsich, aber die kleinen, wachsamen Augen lächeln nicht. Sie scannen, bewerten, wägen. Sie zieht Gunda zu sich heran, küsst sie auf die Wange, und Gunda spürt ihre Haut an dem versteiften, gestärkten Kragen der Bluse der Schwiegermutter.

Bastian tritt ein wie ein Besitzer, wirft seine Jacke auf die Fußbank. Die morgendliche Wut ist verschwunden, ersetzt durch die Maske des respektvollen Sohnes. Er ist auf seinem Revier, unter dem Schutz seiner „Göttin“.

„Mutti, na, wo steht das Schlachtfeld an? Zeig, was gerückt werden muss.“

Die Umräumaktion entpuppt sich als Farce. Es geht nicht darum, Platz zu schaffen oder Komfort zu erhöhen. Es geht um Machtdemonstration. Das erste Objekt ist eine sperrige, lackierte Vitrine aus den Siebziger Jahren, vollgestellt mit Kristallgläsern, die scheinbar seit dem Kauf nicht angefasst wurden.

„Also, Kinder, ich möchte sie hierhin, an die andere Wand.“ Edeltraud zeigt auf das andere Ende des Zimmers. „Bastianchen auf der einen Seite, Gunda hilft auf der anderen. Sie ist ein kräftiges Mädchen, das schafft sie.“

Das ist keine Bitte. Das ist ein Befehl, in widerliche Freundlichkeit verpackt. Gunda tritt schweigend an die Vitrine. Die dunkle, polierte Fläche spiegelt ihr Gesicht wie ein Zerrspiegel. Sie greift in die geschnitzte Kante. Bastian stellt sich gegenüber; sein schwerer, prüfender Blick liegt auf ihr. Er wartet. Darauf, dass sie sagt, es sei zu schwer, dass sie beginnt, Widerworte zu geben. Sie schweigt.

Sie setzen den Ungetüm in Bewegung. Unter den Füßen quietscht das Parkett. Gunda spannt alle Muskeln an, gräbt die Finger ins Holz. Sie bewegt das Möbel ohne einen Laut, ihr Atem bleibt ruhig, ihr Gesicht gelassen. Sie ziehen es mühsam quer durch den Raum.

„Stopp!“, befiehlt Edeltraud, als die Vitrine einen Zentimeter vor der Wand steht. Sie kneift die Augen zusammen, neigt den Kopf wie ein Künstler. „Nein … wisst ihr, da stimmt was nicht. Das sieht nicht aus. Zurück. Aber zehn Zentimeter weiter links als vorher.“

Bastian macht ein Geräusch, das wie ein Lachen klingt. Er sieht Gunda triumphierend an. Bitte schön. Sinnlose, demütigende Arbeit. Gundas Gesicht bleibt starr. Sie nickt und greift wieder in das kalte, lackierte Holz. Sie schieben die Vitrine zurück. Dann, auf Kommando, wieder nach vorn. Noch einmal, dann noch einmal. Edeltraud genießt den Prozess. Sie ist die Regisseurin dieses kleinen Theaters des Absurden, und die Hauptrolle – die der gehorsamen Dienerin – ist Gunda zugedacht.

„Gunda, Schatz, wisch mal hier den Staub weg, unter den Füßen“, sagt sie, als die Vitrine zum vierten Mal mitten im Raum steht. „Ich setze inzwischen Teewasser auf.“

Der nächste Akt. Demütigung. Gunda sieht sie an, dann Bastian. Er lehnt an der Wand, die Arme verschränkt, und schaut zu. In seinen Augen gibt es reines, ungetrübtes Vergnügen. Schweigend nimmt Gunda das feuchte Tuch aus der Hand von Edeltraud und kniet auf dem alten, knarrenden Parkett nieder. Sie spürt weder Schmerz in den Knien noch Demütigung. Sie spürt nur, wie Stahl in ihr gefriert. Sie wischt methodisch, Zentimeter für Zentimeter, den Boden ab, auf dem gerade der Schrank stand. Sie spürt zwei Augenpaare auf sich. Sie warten darauf, dass sie zerbricht. Dass ihr Tränen der Kränkung über die Wangen laufen. Aber es kommen keine.

Sie ist fertig, steht auf, bringt das Tuch in die Küche. Als sie zurückkommt, sieht Edeltraud sie ohne ein Lächeln an. In ihrem Blick liegt kalte, nackte Wut. Sie hat nicht bekommen, was sie wollte. Die Vorstellung ist gescheitert, die Schauspielerin hat die erwartete Emotion nicht geliefert.

„Hör mir zu, Mädchen“, sagt die Schwiegermutter. Ihre Stimme hat jegliche Süße verloren, ist hart und kratzig wie ungeschmiert Scharnier. „Diese zwei Parkettbretter hier. Siehst du? Sie stehen ein bisschen hoch. Das nervt mich. Hol einen Hammer und schlag sie wieder fest. Sofort.“

Dieser Satz, mit eisiger Verachtung hingeworfen, ist das letzte fehlende Puzzleteil. Jetzt ist das Bild vollständig. Keine Umräumaktion, kein Putzen. Ein Initiationsritual in die Sklaverei. Gunda hebt den Kopf. Edeltrauds Blick ist weder süß noch böse. Nur die leere, kalte Gewissheit der eigenen Macht. Sie sieht Gunda an, wie man einen Gegenstand ansieht, eine Sache, die ihre Funktion zu erfüllen hat.

Gunda nickt. Ein kurzes, fast unsichtbares Nicken.

„Wo ist er?“ Ihre Stimme ist ebenso gleichgültig und farblos.

„In der Abstellkammer, im Werkzeugkasten“, wirft Bastian von der Wand aus ein. Er kann den Anblick kaum erwarten: seine junge, hübsche Frau auf den Knien, mit dem Hammer in der Hand, wie sie das Parkett in der Wohnung seiner Mutter klopft. Das wäre der perfekte Schlusspunkt dieses Tages. Die endgültige Festigung seiner Macht.

Gunda dreht sich um und geht in den Flur. Die Abstellkammer ist winzig, vollgestopft mit alten Sachen, die nach Mottenkugeln und Staub riechen. Sie findet den roten Blechkasten. Öffnet ihn. Die Werkzeuge liegen durcheinander: rostige Zangen, Schraubendreher mit rissigen Kunststoffgriffen, Rollen Isolierband. Und ein Hammer. Alt, noch aus DDR-Zeiten, mit schwerem Kopf und von den Jahren glatt poliertem Holzstiel. Sie nimmt ihn. Er ist schwer, echt, sein Gewicht liegt angenehm in ihrer Handfläche. Sie spürt jede Kratzer im Holz. Etwas Reales in einer Welt aus Schein und versteckter Grausamkeit.

Sie kehrt ins Wohnzimmer zurück. Bastian grinst selbstgefällig, als er sie mit dem Hammer sieht. Edeltraud steht in Pose einer Richterin, Arme verschränkt. Sie warten darauf, dass sie niederkniet. Gunda macht ein paar Schritte nach vorn; ihre Absätze klacken präzise auf dem Parkett. Sie bleibt mitten im Raum stehen, betrachtet die beiden hochstehenden Bodendielen. Dann hebt sie langsam, sehr langsam, den Kopf.

Ihr Blick gleitet an Bastian vorbei, an seiner Mutter vorbei. Er bleibt an der Wand gegenüber hängen. Am Schrein dieses Hauses. Auf dem Altar. Dort, unter Glas, in makellos ausgerichteten Reihen, hängen die Reliquien von Edeltraud. Ihr Leben, ihr Stolz, ihre göttliche Essenz. Ehrenurkunden vom ehemaligen Werk, eine Meisterprüfungsurkunde mit Goldprägung, das Abzeichen „Vorbildlicher Ausbilder“, einige vergilbte Fotografien, auf denen sie, jung und ernst, dem Bürgermeister die Hand schüttelt. Alles in dunklen Rahmen, eine Komposition, die Bastian seit seiner Kindheit mit Ehrfurcht betrachtet hat. Das ist der Hausaltar seiner Mutter.

„Was machst du da?“, fragt Bastian. Seine Stimme hat nichts Souveränes mehr.

Gunda antwortet nicht. Sie macht drei Schritte, bis sie direkt vor diesem Denkmal der Eitelkeit steht. Dann, mit demselben ruhigen, abwesenden Gesichtsausdruck, hebt sie den Hammer. Keine ruckartige, zornige Bewegung. Es ist eine fließende, wohlberechnete, fast elegante Handlung.

Und sie schlägt zu.

Die erste Urkunde zerbarst. Das Geräusch von splitterndem Glas ist ohrenbetäubend in dieser angespannten Stimmung. Aber sie hält nicht inne. Der zweite Schlag trifft die Ehrenurkunde. Der Holzrahmen bricht, das Glas rieselt auf den Boden, kleine funkelnde Splitter. Der dritte Schlag, der vierte. Sie zertrümmert nicht blind alles, was ihr in die Quere kommt. Sie arbeitet methodisch wie eine Chirurgin. Schlag für Schlag vernichtet sie jedes Exponat, jedes Symbol der Größe von Edeltraud. Sie zerstört nicht nur Glas und Rahmen. Sie zerstört den Mythos. Sie schändet den Altar vor den Augen ihrer Besitzer.

„Aufhören!“, schreit Edeltraud, das Gesicht verzerrt vor Entsetzen.

Bastian macht einen Schritt auf Gunda zu, bleibt aber mittendrin stehen, wie von einem Elektroschock getroffen. Er starrt auf die Scherben, das zerrissene Karton, die entstellten Fotos. Er sieht zu, wie seine Welt, sein Koordinatensystem, in dem seine Mutter eine Göttin ist, unter den Hammerschlägen seiner eigenen Frau zusammenbricht. Der Frevel lähmt ihn.

Als der letzte Rahmen zerspringt, lässt Gunda den Arm sinken. Sie betrachtet ihr Werk – den armseligen Haufen aus Scherben und Papier am Fuß der Wand. Dann öffnet sie die Finger, und der schwere Hammer fällt mit einem dumpfen Schlag auf das Parkett.

Sie dreht sich um.

Da stehen sie und starren sie an. In ihren Gesichtern keine Wut. Etwas Schlimmeres: völliges, betäubtes Nichtverstehen. Als stünde vor ihnen keine menschliche Kreatur, sondern eine unbekannte Naturgewalt, die gerade ihre Stadt dem Erdboden gleichgemacht hat. Gunda blickt Bastian in die Augen, dann wandert ihr Blick zu seiner Mutter. Sie hat ihren Auftrag erfüllt. Sie hat nicht nur die Füße geküsst. Sie hat das Podest, auf dem ihre „Göttin“ thronte, mit dem Hammer zerschmettert.

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