— Du hast heute gesagt, du hast mich geheiratet, weil ich „praktisch“ bin! — Na und? — Er zuckte mit den Schultern. — Ist das schlecht?

Du hast heute gesagt, du hast mich geheiratet, weil ich praktisch bin! Und? zuckte er mit den Schultern. Ist das denn schlimm?

Was, du trägst wieder diesen alten Morgenmantel? Klaus blickte mit Verachtung auf Liselotte, während er die Manschette seines Hemdes hochzog, als wolle er Rüstungsteile für die Schlacht prüfen.

Sie erstarrte, die Tasse Kaffee fest umklammert. Der dünne Dampf stieg in die Luft, verbrannte ihre Finger, doch ihr Griff blieb unbewegt.

Er ist praktisch.

Ja, praktisch, schnurrte er, während er die Krawatte vor dem Spiegel richtete. Wie alles an dir.

Liselotte senkte den Blick. Der Dampf verklang, das Glas wurde schwarz und spiegelte die Decke wie ein zersplitterter Spiegel.

Klaus, du

Was? er zog bereits die Schlüssel hervor, das Metall klirrte am Ring.

Nichts.

Die Tür schlug so fest zu, dass das Porzellanregal leicht erzitterte.

***

Sie hatten sich in der Firma kennengelernt. Sie eine zurückhaltende, schüchterne Buchhalterin, die ihr Haar zu einem lässigen Knoten zusammenband; er ein selbstsicherer Abteilungsleiter, dessen Lachen die Flure durchdrang. Klaus umwarb sie mit Rosen, an denen noch Wassertropfen glitzerten, mit CandleLightDinners, bei denen er ihr mediumgebratenes Steak bestellte, ohne zu fragen, was sie mag.

Du bist doch nicht einer, der über Kleinigkeiten nörgelt, oder? fragte er beim dritten Date, während er das Tischtuch glattstrich.

Nein, lächelte Liselotte, als höre sie keinen kleinen Piepsen.

Gut so. Meine Ex hat immer nur Dramen gemacht

Sie schenkte dem keine Beachtung. Dann Hochzeit, Kinder, ein Eigenheim das übliche Bild.

Nur manchmal, wenn sie ein Kleid mit offener Schulter anzog, sagte er:

Das ist nicht dein Stil, etwas Schlichteres wäre besser.

Oder wenn sie ihre Lippen vor dem Spiegel schminkte, warf er flüchtig ein:

Wozu? Du sitzt doch trotzdem zu Hause.

Als sie eines Tages ein neues Parfüm mit leichtem Blütenduft kaufte, verzog er das Gesicht:

Du riechst wie aus einem Billiggeschäft. Gleichst du dich jetzt mit Tante Liese aus der Buchhaltung?

Seitdem ließ sie das Parfüm liegen.

Zum Geburtstag schenkte er ihr einen Staubsauger.

Der alte stöhnt schon, erklärte er, während sie das Paket auspackte. Du seufzt doch immer beim Putzen.

Sie dankte, dann blickte sie lange aus dem Fenster, bis die Kinder riefen, den Kuchen zu schneiden.

Sie schwieg denn insgesamt war er ein guter Mann. Nicht gewalttätig, nicht trinkend, brachte Geld nach Hause.

War das nicht genug?

***

Hast du mich nie geliebt?

Der gleiche Abend, das gleiche Gespräch. Klaus senkte den Blick, als prüfe er, ob das Fenster geschlossen sei.

Warum denn du bist die ideale Ehefrau.

Das ist keine Antwort.

Er seufzte, als müsse er ihr das Einmaleins erklären.

Liselotte, warum bringst du dir das Herz zu brechen? Bei uns ist alles in Ordnung.

In Ordnung?! Ihre Stimme bebte, nicht vor Tränen, sondern vor einer Wut, die endlich an die Oberfläche drang. Du hast heute gesagt, du hast mich geheiratet, weil ich praktisch bin!

Und? er zuckte mit den Schultern. Ist das nicht schlimm?

Sie sah ihn, als würde sie ihn zum ersten Mal wirklich sehen: Das sonnengebräunte Mal am Hals stammte vom Tennis mit Kollegen, nicht von ihr. Die Falte zwischen den Augenbrauen kam nicht von Sorge, sondern von Ärger, weil er ständig Erklärungen abgeben musste.

Und Katja?

Klaus Gesicht verzog sich, als hätte jemand an einer unsichtbaren Schnur gezogen.

Was hat das mit ihr zu tun?

Du hast sie geliebt.

Ja, gab er kurz zu, und in diesem einen Wort lag mehr Gefühl als in all den Jahren. Ich habe sie geliebt. Aber mit ihr hätte man keine normale Familie bauen können.

Liselotte spürte, wie etwas in ihr leise knackte, wie ein zerbrochener Absatz: Man kann weitergehen, aber nicht mehr wie vorher.

Also bin ich nur eine gefügige Ersatzfrau.

Mach kein Drama draus, winkte er ab, als würde er eine Mücke verscheuchen. Wir haben Kinder, ein Haus. Was willst du noch?

***

Sie zögerte.

Vielleicht hatte er recht? Vielleicht war Liebe ein Luxus, die Familie wichtiger? Liselotte stand am Fenster, beobachtete, wie die ersten Regentropfen die Scheibe verwischten. In der Spiegelung sah sie die Spuren ihrer Finger sie hatte in letzter Zeit häufig dort gestanden, wartend, dass die Welt draußen ihr eine Antwort schenkte.

Und Klaus Klaus lebte, als hätte sich nichts geändert.

Eine Woche später, als er bemerkte, dass sie wieder duldet, hörte er auf, sich zu verstellen.

Wieder Nudeln? er pickte mit der Gabel in der Schale, als wolle er Beweise für ihre Unfähigkeit sammeln. Zumindest würze sie das denn.

Du hast doch gesagt, du magst nichts Scharfes, erwiderte sie, doch ihre Stimme klang fremd, als spreche jemand anderes sie an.

Na und? er schob den Teller beiseite, als wäre sie ihm ein Stück Brot gereicht. Katja hat immer gekocht

Liselotte sprang plötzlich auf. Der Stuhl schrammte über den Boden und hinterließ eine Kerbe ein weiteres Zeichen in diesem Haus, ein weiterer unsichtbarer Riss.

Willst du zu Katja? Geh!

Halt die Klappe, lachte er, und das Lachen hallte lauter als ein Schrei. Wohin soll ich gehen? Du weißt, dass es mir mit dir bequem ist.

In diesem Moment begriff sie endlich. Er versuchte nicht einmal, sie festzuhalten. Nicht weil er an ihrer Liebe zweifelte, sondern weil er an ihrer Unterwerfung sicher war.

Sie bemerkte das überall: Wie er nicht mehr korrigierte, wenn sie falsch gekleidet war er ging einfach vorbei. Wie er nicht mehr ihren Körper musterte, als wäre sie ein Möbelstück, das man nur zum Anlehnen nutzt. Wie seine ruhigen Tage wochenlang andauerten ohne Streitereien, ohne Vorwürfe, einfach nichts.

Und das Nichts war lauter als jeder Schrei.

Sie stand in der Küche, die Hände um den Tischrand gekrallt, und plötzlich erkannte sie: Er ärgerte sich nicht mehr. Er wartete nur, dass sie sich fügen würde wie beim Staubsauger anstelle eines Geschenks, wie beim Verzicht auf Parfüm, wie beim Verzicht darauf, ein Mensch zu sein, der über Kleinigkeiten nörgelt.

Dann drehte sich etwas in ihr. Nicht Schmerz, nicht Zorn Befreiung.

Denn wenn man nicht geliebt wird, aber noch wütend ist, existiert man noch. Und wenn das Wüten aufhört dann bist du gar nicht mehr.

***

Ein Monat später reichte sie die Scheidung ein.

Klaus traute seinen Ohren zunächst nicht. Er trat in die Küche, wo Liselotte Kinderkleidung in Kartons verstaute, und erstarrte an der Tür, als sähe er nicht seine Frau, sondern eine fremde Frau.

Meinst du das ernst? fragte er, und zum ersten Mal seit Langem klang Unsicherheit in seiner Stimme.

Liselotte hob den Kopf nicht, faltete weiter die kleinen Jacken.

Ja.

Wegen irgendeiner Albernheit? Er trat einen Schritt vor, und sie spürte, wie ihre Schultern sich anspannte.

Das ist keine Albernheit, flüsterte sie. Ich bin keine Möbel.

Er lachte plötzlich, nervös und scharf.

Ach, wieder Drama! Du übertreibst immer.

Liselotte sah ihn endlich an. Sein Gesicht war schmerzhaft vertraut, doch jetzt erkannte sie die zusammengepressten Lippen, die leicht zusammengekniffenen Augen er war wütend, nicht weil er sie verlor, sondern weil seine bequeme Welt Risse bekam.

Ich übertreibe nicht, sagte sie. Ich bin müde, immer nur praktisch zu sein.

Klaus schwieg, griff dann plötzlich nach den Schlüsseln auf dem Tisch.

Na, das ist ja zu schön! Denkst du, es wird mir schwerfallen? Er warf einen Blick auf die Kartons. Du kannst doch nicht einmal richtig kochen.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken ein alter, bekannter Stich. Früher hatten solche Worte ihr Selbstvertrauen erschüttert, jetzt klangen sie hohl.

Vielleicht, gab sie zu. Aber manche denken anders.

Sein Gesicht verzog sich.

Ach, so ist es ja! Du hast schon jemand anderen, oder? Er grinste boshaft. Natürlich, wo sonst sonst?

Liselotte fühlte, wie sich in ihr ein alter Schmerz zusammenzog. Sie wollte fast die Lippen öffnen und sagen: Du hast recht, es tut mir leid, wie sie es hundertmal zuvor getan hatte.

Stattdessen sagte sie fest: Ich brauche mich selbst.

Klaus erstarrte. Er hatte das nicht kommen sehen.

Du bist doch verrückt, schnaubte er. Und die Kinder? Denkst du an die?

Sie schloss für einen Moment die Augen. Die Kinder sie schwebten ständig in ihren Gedanken.

Sie werden sehen, was es heißt, sich zu respektieren, antwortete sie.

Hör auf damit! Du bist egoistisch. Wir haben Haus, Wohlstand und du willst das alles wegen irgendwelcher Unsinnigkeiten aufgeben?

Liselotte sah ihn an und erkannte plötzlich, dass er die Dinge nie als mehr denn als Unsinn sah.

Für dich ist es Unsinn, für mich nicht.

Er drehte sich ab, trommelte nervös mit den Schlüsseln auf seine Handfläche.

Na gut. Du wirst es bereuen.

Am Tag, an dem sie die letzten Sachen packte, fragte Klaus plötzlich:

Und was, glaubst du, findest du jemand Besseren?

Sie blieb an der Tür stehen, spürte den leichten Frischluftstoß von außen, der ihr Gesicht streichelte.

Besser? Ich weiß es nicht. Aber zumindest jemanden, der mich sieht, nicht das leere Feld.

Er sagte nichts.

Und sie ging hinaus, wo der Regen nachließ und die Freiheit schmeckte.

***

Zwei Jahre später.

Liselotte war wieder verheiratet, ihr Mann küsste sie jeden Morgen auf die Schulter, selbst wenn sie mürrisch war, zu früh am Tag. Er flüsterte: Du bist wunderschön, wenn sie im alten Morgenmantel mit zerzaustem Haar und müden Augen stand. Eines Tages, als er denselben Staubsauger im Ausverkauf sah, kaufte er ihr statt dessen einen Strauß Pfingstrosen weil die Farbe an ihre Lippen erinnerte.

Sie trug wieder Parfüm, färbte ihre Lippen, wählte Kleider mit offenen Schultern. Und jedes Mal, wenn ihr Mann sie bewundernd ansah, wärmte sich ihr Herz, als würde etwas lange Eingefrorenes schmelzen.

Und Klaus

Eines Tages stieß sie zufällig in einem Café auf ihn. Er saß allein am Ecktisch, trank Kaffee und starrte auf sein Handy. Vor ihm lag ein vergilbtes Foto ihrer Kinder, die Ränder abgenutzt, als hätte man sie oft berührt.

Liselotte wollte vorbeigehen, doch er hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich.

Und sie sah nichts. Keine Wut, keine Sehnsucht, kein Ärger. Nur Leere, gleich einer leeren Fensterfront, aus der schon lange die Möbel geräumt waren.

Er nickte. Sie lächelte. Sie gingen getrennte Wege.

Später, zu Hause, umarmte sie ihren Mann und dachte plötzlich daran, wie sehr sie einst Angst hatte, allein zu bleiben. Jetzt wusste sie: Das Schlimme ist nicht die Einsamkeit. Das Schlimme ist, allein zu sein, während jemand neben einem ist.

Und Klaus

Klaus heiratete nie wieder. Katja, die er einst geliebt hatte, lachte, als er sie nach einem halben Jahr wieder anrief und erzählte, dass ihr Leben bereits weitergegangen war. Die Kinder besuchten ihn am Wochenende, doch in ihren Augen spiegelte sich immer mehr höfliche Distanz.

Abends goss er sich Whisky ein und sah fern, wo Menschen schweigend vorbeigingen.

Denn die praktischen wandern, die Geliebten bleiben.

Aber um geliebt zu werden, muss man zuerst lernen, sich selbst zu lieben.

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