Dreißig Jahre habe ich in der Fabrik gearbeitet, damit es meinen Kindern besser geht. Zu meinem siebzigsten Geburtstag legten sie für einen Blumenstrauß mit Lieferung zusammen

Dreißig Jahre arbeitete ich in einer Textilfabrik, damit meine Kinder es einmal besser haben. Zu meinem siebzigsten Geburtstag schenkten sie mir gemeinsam einen großen Blumenstrauß, geliefert von einem Kurier.

Ich stand in meiner leeren Wohnung mit dem Blumenkorb in der Hand und konnte die Tränen nicht zurückhalten. Hätte mir jemand von vierzig Jahren gesagt, dass ich meinen siebzigsten Geburtstag so verbringen würde, hätte ich es für einen schlechten Scherz gehalten. Aber das Leben hat einen makabren Humor und fragt nicht, ob du bereit bist für die Pointe.

An diesem Donnerstag bin ich wie üblich um sechs Uhr morgens aufgewacht, obwohl ich nicht rausmusste. Alte Gewohnheiten dreißig Jahre bin ich vor Morgengrauen aufgestanden, um pünktlich zur Frühschicht in der Fabrik zu sein.

Ich nähte Arbeitskleidung, Kittel, Schürzen. In den achtziger Jahren gab es mehrere solcher Betriebe in Dortmund, und in jedem saßen Frauen über ihren Nähmaschinen, mit Fingerkuppen voller Nadelstiche und Köpfen voller Träume für ihre Kinder. Für wen hätten wir es auch sonst gemacht?

Mein Heinrich, Gott hab ihn selig, arbeitete bei der Bahn. Zusammen haben wir den Haushalt gewuppt. Ich beklage mich nicht wir hatten unser Auskommen. Erst eine kleine Wohnung in Hörde, später konnten wir in eine Zweiraumwohnung mit Balkon nach Hombruch umziehen.

Fernwärme, ein Balkon mit Blick auf den Innenhof und immer war die Wäsche sauber, das Mittagessen warm und die Schulbücher bezahlt. Matthias bekam Nachhilfe in Englisch, Luise machte einen Computerkurs. Heinrich hat Überstunden angenommen, ich nähte abends noch Vorhänge und Brautkleider für die Nachbarinnen.

Und schau es hat sich gelohnt. Matthias wurde Jurist, betreibt eine Kanzlei in München. Luise hat eine eigene Marketingagentur in Hamburg ich habe nie ganz verstanden, was sie da eigentlich macht, aber sie verdient und ist zufrieden. Ich bin stolz auf meine Kinder, von Herzen. Nur schmeckt dieser Stolz mittlerweile ein wenig wie Tee ohne Zucker schon vertraut, doch irgendetwas fehlt.

Heinrich ist vor acht Jahren gestorben. Herzinfarkt. Schnell, ohne ein Wort abends eingeschlafen, morgens nicht mehr erwacht. Im ersten Jahr haben die Kinder jeden Tag angerufen. Im zweiten Jahr einmal pro Woche. Jetzt ruft Matthias sonntags nach dem Mittagessen an, wenn er es nicht vergisst.

Luise schickt Kurznachrichten, knapp, wie Telegramme: Mama, wie gehts? Küsse. Ich antworte: Gut, mein Schatz. Was sollte ich sonst schreiben? Dass ich abends mit dem Fernseher spreche? Dass samstags die Kassiererin bei Rewe die einzige Person ist, die mit mir ein paar Worte wechselt?

Für meinen Geburtstag habe ich eine Woche lang vorbereitet wie eine Närrin. Ich habe den Streuselkuchen aus Mutters Rezept gebacken, ein neues Tischtuch gekauft und das gutes Porzellangeschirr aus dem Schrank geholt, das wir zur Hochzeit geschenkt bekamen und das sonst nie genutzt wird. Vier Gedecke. Matthias meinte, er würde es versuchen zu schaffen, Luise schrieb, kommt auf meinen Kalender an.

Am Morgen rief Matthias an. Müde Stimme, als hätte er nicht geschlafen. Mama, es geht nicht, ich habe einen Gerichtstermin, der wurde vorgezogen. Samstags komme ich aber sicher, ja?

Eine Stunde später SMS von Luise. Noch nicht mal angerufen. Mama, riesige Konferenz in Berlin, ich schaffe es nicht, lieb dich, hol ich am Wochenende nach!!! Drei Ausrufezeichen. Als könne Masse an Satzzeichen die echte Anwesenheit ersetzen.

Ich stand in der Küche und schaute auf die vier Teller. Den Kuchen. Das neue gelbe Tischtuch mit Sonnenblumen, gekauft, damit es fröhlich aussieht. Dann begann ich alles wieder wegzuräumen. Die Teller zurück in den Schrank, das Tuch zusammengefaltet, den Kuchen mit einem Tuch abgedeckt.

Um drei klingelte es. Der Kurier ein junger Mann, vielleicht Anfang zwanzig, in dunkelblauer Jacke. Mit einem riesigen Korb Blumen Rosen, Lilien, und etwas Unbekanntes. Dazu eine Karte: Liebste Mama, alles Gute und viel Gesundheit! Matthias und Luise.

Der Kurier lächelte. Herzlichen Glückwunsch, Frau Müller! Da hat Sie jemand sehr lieb.

Ich nahm den Korb. Er war schwer. Ich stellte ihn auf das kleine Tischchen im Flur und schloss die Tür. Setzte mich auf den Hocker neben die Garderobe und blieb einfach sitzen. Fünf Minuten, vielleicht zwanzig. Der Duft der Blumen war überwältigend in dem engen Flur.

Am Abend rief Gisela an die einzige Nachbarin, mit der ich noch spreche. Fünfundsiebzig, wohnt ein Stockwerk tiefer, ebenso allein wie ich. Anneliese, du hast doch Geburtstag, komm auf einen Tee rüber, ich hab einen Apfelkuchen gebacken. Ich bin gegangen. Wir saßen bis zehn abends in ihrer Küche. Gisela fragte nicht nach den Kindern. Sie wusste Bescheid.

Am Samstag kam Matthias vorbei. Allein, ohne Frau und Enkel. Drei Stunden blieb er, davon war er eine Stunde auf dem Balkon mit dem Handy. Er ließ einen Umschlag mit Euros auf der Garderobe liegen. Luise sagte das Wochenende ab ist doch wieder was reingegrätscht, Mama, aber zu Weihnachten ganz sicher.

Und da hab ich es begriffen: Nicht, dass meine Kinder mich nicht lieben. Sie lieben mich, auf ihre Weise, zwischen Gerichtsterminen und Terminen in Hamburg. Sie lieben mich, wie ich das Nähen liebte ehrlich, aber mit dem Kopf schon beim nächsten Auftrag. Dreißig Jahre hab ich für sie gearbeitet und war stolz darauf, dass sie es besser haben würden. Niemand hat mir verraten, dass der Preis für ihr besseres Leben meins ist: eine stille, leere Wohnung.

Den Kuchen habe ich mit Gisela gegessen. Die Blumen standen eine Woche, dann verwelkten sie. Den Umschlag von Matthias habe ich zu den alten Bahnpapieren von Heinrich gelegt.

Gestern kaufte ich mir ein Ticket für eine Seniorenreise ins Allgäu. Zwei Tage, Busfahrt, kleine Gruppe. Gisela kommt mit. Als ich Luise davon am Telefon erzählte, war sie erstaunt. Mama, du fährst jetzt auf Reisen?

Seit meinem siebzigsten, mein Kind, antwortete ich.

Drei Sekunden Schweigen. Dann sagte Luise: Schön, Mama und wechselte das Thema. Aber dieses kurze Schweigen sagte mehr als alle Ausrufezeichen ihrer Nachrichten. Ich glaube, irgendwann wird sie es verstehen. Vielleicht, wenn sie selbst sechzig ist und am Tisch ein Stuhl leer bleibt. Doch darauf will ich nicht warten.

Ich bin siebzig. Ich habe gesunde Beine, mein Billett für die Reise und eine Nachbarin, die Kuchen bäckt. Heinrich hätte gesagt: Anneliese, sei nicht traurig fahr einfach los. Und das mache ich.

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