Lukas fand ihn an einer kühlen Straße im Oktober.
Ein kleiner Welpe saß am Straßenrand, völlig durchnässt und winzig, und starrte die vorbeifahrenden Autos an, als würde er auf jemanden ganz Bestimmtes warten. Lukas fuhr gerade zum Wochenendhaus zur Ernte von Kartoffeln, bremste kurz, dachte, er würde nur kurz hinsehen. Doch der Welpe hob den Kopf, und in diesem Moment änderte sich alles. Die Kartoffeln blieben noch eine weitere Woche im Erdreich.
Er nannte ihn Mars. Der Name kam von der Nachbarin Klara Müller, die beim Anblick des rötlichohrenreichen Gesichts mit zu kleinen Pfoten im Flur ausrief:
Rotschnäuzig, schnaubig, etwas tollpatschig Mars, das passt.
Lukas musste lachen.
Mars wuchs rasch. Im Frühjahr belegte er bereits die gesamte linke Sofahälfte und hielt das für sein gutes Recht. Anfangs schimpfte Lukas, dann ließ er es bleiben. Allein in der kleinen Wohnung zu schlafen, war schlimmer als mit einem Hund, der schnarcht und gelegentlich im Traum mit der Pfote scharrt.
Sie wurden nicht sofort Freunde, sondern entwickelten die Bindung langsam, wie Menschen, die keinen großen Zeitdruck haben. Morgendliche Spaziergänge. Futter um sieben abends. Fernsehen. Manchmal redete Lukas laut mit Mars. Der Hund saß daneben, hörte ernsthaft zu, gähnte hin und wieder und zeigte dabei die Zähne.
Du hast recht, sagte Lukas. Genug. Und er schaltete den Fernseher aus.
***
Der Unfall ereignete sich im April, als sie von einem abendlichen Spaziergang zurückkehrten.
Lukas erinnerte sich nur verschwommen. Rutschig war die Straße, das Auto geriet von der Fahrbahn, Mars war an der Leine, doch die Leine riss. Lukas wurde gegen den Bordstein geschleudert, traf mit der Seite auf den Asphalt und lag mehrere Sekunden nur da, hörte sein eigenes Atemgeräusch und ein fernes Schreien.
Als er aufstand, war Mars nicht mehr da.
Die Leine lag zerbrochen auf dem Asphalt, das Plastikklipsen war in zwei Hälften gesprungen.
Er suchte bis Mitternacht, durchquerte drei Viertel, rief den Namen, fragte Passanten. Diese schüttelten den Kopf. Einer meinte, er habe einen roten Hund gesehen, der in Richtung Bahnübergang gerannt sei, das sei vor etwa vierzig Minuten gewesen, danach hatte er nichts mehr mitbekommen.
Zuhause setzte sich Lukas in die Küche und starrte lange auf die leere Futternapf.
Dann stand er auf, schrieb eine Anzeige, druckte zwanzig Kopien und verteilte sie am nächsten Morgen im gesamten Kiez. Außerdem rief er drei Tierarztpraxen und das Tierheim in der Fabrikstraße an.
Falls ein roter Mischlingshund auftaucht, bitte melden Sie sich, sagte er ins Telefon. Meine Nummer lautet
Eine Woche verging.
Dann ein Monat.
Die Anzeigen verblassten im Mairegen, und Lukas klebte sie erneut ein. Im Juni tat er es wieder. Die Tierarztpraxen blieben stumm. Das Tierheim rief zweimal, jedes Mal irrtümlich, jedes Mal war es nicht sein Hund.
Im Juli sagte Klara vorsichtig aus der Wohnungstür:
Lukas, willst du nicht einen anderen Hund nehmen? Im Tierheim gibt es doch genug.
Nein, antwortete Lukas.
Sie bot nichts mehr an.
Die Wohnung ohne Mars war anders. Nicht leer, aber still. Der Kühlschrank summte, die Nachbarn trampelten wie gewohnt um halb zehn morgens die Treppen hinauf. Etwas hatte sich jedoch verändert.
Lukas hob von dem Boden den alten Gummiball, den Mars früher durch den Flur gejagt hatte, legte ihn auf das Regal, überlegte und steckte ihn dann in die Schublade. Später holte er ihn wieder heraus und ließ ihn auf dem Regal liegen.
Morgens streckte er instinktiv die Hand nach der Leine an der Tür aus. Die Leine hing noch, es gab keinen Grund mehr, einen Weg zu gehen.
Er begann, allein zu Fuß zu gehen, dieselbe Route, zur selben Zeit, nur ohne Mars. Er konnte sich selbst nicht erklären, warum er das tat er ging einfach weiter.
Im August rief seine Tochter aus Dresden an.
Papa, komm zu uns, du kannst hier wohnen und dich erholen.
Kann nicht, sagte er.
Warum?
Er schwieg und antwortete nur: Vielleicht kommt er zurück.
Seine Tochter hielt inne, dann sagte sie nach einem langen Atemzug: Na gut. eine Stimme, die etwas anderes sagen wollte, es aber nicht aussprach.
Mars kehrte im Oktober zurück.
Lukas hörte das Kratzen an der Tür gegen acht Uhr abends. Zuerst dachte er, es sei Einbildung, ein Luftzug, das übliche Geräusch aus dem Treppenhaus. Doch das Kratzen wiederholte sich, beharrlich, mit Pausen, als wüsste jemand, dass die Tür bald aufgeht, nur ein wenig Geduld nötig sei.
Er öffnete.
Auf der Fußmatte saß Mars.
Älter geworden. An mehreren Stellen war das Fell gekürzt, dort, wo vermutlich Wunden gewesen waren. Das linke Hinterbein brannte leicht. Und um den Hals trug er ein fremdes Lederhalsband, braun, mit einer bronzenen Schnalle und einem kleinen Anhänger, auf dem das Wort Freund stand.
Lukas stand lange in der Tür und blickte ihn an. Mars sah zurück. Das rechte Ohr hing schlaff, ein rotbraunes Sternchen auf der Stirn, die gleichen bernsteinfarbenen Augen mit dunklem Rand.
Wo warst du? fragte Lukas.
Mars sprang auf, schritt durch den Türrahmen und lief den Flur entlang, wie jemand, der jede Ecke kennt. Rechts zur Futternapf. Die Napf war leer, wie immer.
Lukas schloss die Tür, ging in die Küche, die Hände leicht zitternd, und öffnete den Kühlschrank.
Okay, murmelte er. Okay.
Am nächsten Morgen fuhr er mit Mars zur Tierarztpraxis. Der Hund wurde untersucht, bekam die nötigen Impfungen, der Chip wurde kontrolliert. Lukas fragte nach dem Fremdhalsband. Die Tierärztin nahm den Anhänger und las laut vor:
Freund. Das ist ein anderer Name?
Jemand hat ihm einen anderen Namen gegeben, sagte Lukas.
Er hat bei jemandem gewohnt?
Er war etwa ein halbes Jahr irgendwo, weiß nicht wo.
Die Tierärztin sah erst zu ihm, dann zu Mars und wieder zu Lukas.
Kommt vor, dass Hunde weggehen und später zurückkommen. Besonders kluge.
Lukas schwieg, beobachtete, wie Mars ruhig auf dem Metalltisch saß und die Untersuchung ertrug.
Auf der Rückseite des Anhängers stand eine Telefonnummer.
Lukas rief vom Auto aus, während Mars auf dem Rücksitz aus dem Fenster blickte.
Nach drei Klingeltönen ging jemand ans Telefon.
Hallo?
Guten Tag, hier spricht Lukas. Sie hatten einen Hund, einen roten. Sie nannten ihn Freund.
Stille.
Ja, sagte eine ältere Frauenstimme, nicht mehr ganz jung. Er war bei uns, im September verließen wir ihn. Wir haben nach ihm gesucht.
Er ist bei mir, das ist mein Hund, er heißt Mars. Er ging im April verloren.
Wieder Stille, dann die Frau:
Er war bei uns, wir haben ihn gefüttert und behandelt. Er hatte Verletzungen.
Danke, sagte Lukas.
Er ist ein guter Hund.
Ja.
Ein kurzer Moment.
Wohnen Sie weit weg?, fragte die Frau. Von der BirkenwegStraße?
Ein anderer Stadtteil.
Gott im Himmel. Er kam im April zu uns, legte sich einfach an unseren Zaun und ging nicht mehr.
Lukas blickte durch die Windschutzscheibe, über den grauen Hof mit kahlen Pappeln.
Das Gespräch endete von selbst. Lukas legte das Telefon weg. Mars schnarchte im Fond, legte den Kopf auf die gekreuzten Pfoten.
Zuhause nahm Lukas das fremde Halsband ab, legte es auf den Tisch und starrte lange darauf. Braun, Leder, mit dem Schild Freund. Gute Verarbeitung, nicht billig.
Ein halbes Jahr war er irgendwo gewesen und trotzdem zurückgekehrt.
Lukas dachte an die Frau von der BirkenwegStraße. Wie sie ihn täglich gefüttert, gestreichelt, sich an ihn geklammert haben musste. Und dann im September, morgens, war er weg, und sie suchte, rief in Anzeigen.
Er wählte erneut.
Hier spricht wieder Lukas. Ich wollte nur sagen, wenn Sie ihn besuchen wollen, ich habe nichts dagegen.
Stille.
Wirklich?, fragte die Frau.
Wirklich.
Sie kam am Samstag. Gisela Petersen, 64, in grauem Mantel, mit einer Einkaufstasche voller Apfelmus und einer Tüte Hundefutter, die Mars in den letzten sechs Monaten gewöhnt hatte.
Mars sah sie aus dem Flur und lief nicht los, sondern stupste sie mit der Nase, wedelte freudig mit dem Schwanz.
Sie tranken Tee. Gisela erzählte, wie sie im April Mars am Zaun gefunden, zum Tierarzt gebracht, wie er anfangs ängstlich war und dann wieder Vertrauen gewann. Lukas berichtete von dem Unfall, der gerissenen Leine und den vielen Flugblättern.
Mars döste zwischen ihnen, hob gelegentlich den Kopf und sah den einen, dann den anderen an.
Er hat uns beide ausgesucht, sagte Gisela.
Lukas sah den Hund, dann die Frau neben ihm.
Das scheint so.
Das fremde Halsband legte Lukas wieder in die Schublade, aber er warf es nicht weg.
Mars beanspruchte wieder die linke Sofahälfte und jagte nachts um ein Uhr den Ball durch den Flur. Die Plakate an den Laternenpfosten wurden im Novemberregen durchnässt und fielen von selbst ab.
Gisela kam samstags, brachte Marmelade, fragte gelegentlich nach Rat für die Johannisbeeren, ihr Garten lag an der BirkenwegStraße, und Lukas half beim Pflanzen. Sie unterhielten sich, während Mars zwischen ihnen schlummerte.
Eines Abends holte Lukas den Lederhalsband mit dem Anhänger Freund aus der Schublade, betrachtete ihn. Der Anhänger funkelte im Licht der Lampe.
Im Flur hingen zwei Leinen. Eine rote, alte; eine blaue, neue, die Gisela an einem Samstag still und ohne nach Erlaubnis aufgehängt hatte.
Durch die lange Geschichte hatte Lukas gelernt, dass Bindungen nicht durch Besitz, sondern durch das wiederholte Aufsuchen und das offene Herz entstehen. Der Verlust hatte eine Leere geschaffen, doch das Wiederfinden zeigte ihm, dass wahre Treue sich nicht an Ort und Zeit bindet sie kehrt immer zurück, wenn man ihr Raum gibt.