Das perfekte Ebenbild der Ehefrau

Kopie der Ehefrau

Bist du sicher, dass es dir nicht unangenehm ist? fragte Marlies, während sie mit ihrer Tasche über der Schulter und einem verirrten Lächeln vor der Tür stand, das Renate so noch nie bei ihr gesehen hatte. Ich verstehe, dass das alles seltsam ist. Ich verstehe es wirklich.

Marlies, hör doch auf. Komm rein. Renate machte Platz und hielt die Tür fest. Das Gästezimmer ist frei, Thomas hat nichts dagegen. Es passt schon alles.

Thomas hat nichts dagegen, wiederholte Marlies, und in diesem Wiederholen lag etwas Unerklärliches, keine Ironie, eher Verwunderung. Als hätte allein das “nichts dagegen” eine Bedeutung bekommen.

Er hat selten etwas dagegen, sagte Renate, während sie Richtung Küche verschwand. Schuhe ausziehen. Hausschuhe stehen links.

Damit begann alles.

Renate war zweiundfünfzig, Marlies, ihre Kommilitonenfreundin von damals, ein Jahr jünger. Fünf Jahre hatten sie sich nur lose gesehen, hin und wieder telefoniert, mal Kaffee in der Innenstadt von Leipzig getrunken. Renate meinte, sie würde Marlies gut kennen. Genug, um ihr ohne großes Nachdenken die Tür zu öffnen. Marlies war geschieden. Die Mietwohnung war ausgelaufen. Die neuen Papiere zogen sich hin. Zwei, drei Wochen, höchstens ein Monat. Zeit überbrücken, stehen, durchatmen.

Sie wohnten in Halle, einer Stadt, die mal versuchte, größer zu wirken, als sie war. Die Viertel ähnelten sich, und im Supermarkt an der Ecke wurde man an der Stimme erkannt. Renates Wohnung war eine große Altbauwohnung, drei Zimmer, dritter Stock, Fenster zur ruhigen Straße. Thomas, ihr Ehemann, arbeitete bei einer großen Baufirma, im Hintergrund, aber mit solider Position. Renate unterrichtete BWL am Wirtschaftsgymnasium. Dreiundzwanzig gemeinsame Jahre. Die Tochter wohnte schon seit langem in Dresden. Im Flur standen die Möbel genau da, wo sie immer standen, und niemand wollte sie je umstellen.

Marlies kam mit einer riesigen Reisetasche und einem Karton. Sie packte leise und fast unauffällig aus. In den ersten Tagen war sie beinahe unsichtbar: ging früh, kam spät, aß kaum, redete noch weniger. Am ersten Abend fragte Thomas nur:

Wie lange bleibt sie?

Ein Monat, antwortete Renate.

Ein Monat, wiederholte Thomas, und er klang exakt so wie Marlies an der Tür.

Renate schenkte diesen Dingen keine Beachtung. Sie war der Typ Mensch, der darauf nichts gibt. Dachte sie zumindest.

Das erste leise Warnsignal ertönte in der zweiten Woche. Renate betrat morgens das Bad und fand ihr Parfüm auf der anderen Seite des Waschbeckens. Gartennacht: ein dunkelgrüner Flakon mit silbernem Deckel, seit drei Jahren ihre Marke, gekauft am Neumarkt. Die Flasche stand nicht unten links, sondern auf dem Rand des Beckens. Sie schob es zurück, dachte, sie hätte es selbst verrückt. Und vergaß es.

In der dritten Woche kam etwas anderes hinzu.

Sie frühstückten zu dritt. Renate machte Kaffee auf ihre Weise: erst etwas kaltes Wasser, dann heiß, nie kochendes, sonst wird’s bitter. Thomas liebte es und lobte sie immer. Diesmal machte Marlies den Kaffee, weil Renate am Telefon war. Thomas probierte und meinte:

Mhm. Sehr gut.

Hab ich bei Renate abgeguckt, sagte Marlies. So macht sies immer.

Renate lächelte mechanisch. Marlies auch. Irgendetwas nagte. Undefinierbar, wie leises Kratzen hinter einer Wand.

Dann wurde sie vom Alltag verschluckt. Arbeitswoche, Klassen, Korrekturen. Nach Feierabend waren die Wohnung und alles darin geordnet. Marlies putzte und räumte, Thomas gewöhnte sich an sie schneller als erwartet.

Sie hat gekocht, informierte er einmal beim Abendbrot. Bohnensuppe. Schmeckt gut.

Mit Bohnen mache ich auch, warf Renate ein.

Ja, ziemlich ähnlich, meinte er nur.

Sie fragte nicht, wems besser gelang. Er sagte es nicht.

Marlies arbeitete zu der Zeit im Home Office, irgendwas mit Akten, Renate fragte nie genau. Marlies verbrachte den Tag am Laptop im Gästezimmer, mittags machte sie unkomplizierte Gerichte, abends kam sie frisiert und umgezogen heraus. Immer in Kleidern, nie Schlabberlook. Renate fiel das auf: Sie selbst schlüpfte am Abend in Jogginghose und altes Sweatshirt, Marlies erschien in Business-Bluse. In Renates Wohnung wirkte sie besser als sie selbst.

Eines Abends setzte Thomas sich zu Marlies aufs Sofa, schauten irgendwas im Fernsehen. Renate sortierte Schulhefte im Schlafzimmer, durch die Wand drang ihr leises Sprechen. Thomas erzählte, Marlies lachte. Ihr Lachen klang wie das von Renate nur leiser, wie ein gedämpftes Echo. Renate schüttelte das ab. Lachen bleibt Lachen. Was soll’s.

Aber Tage später dachte sie wieder daran. Schon ohne Wegschütteln.

Marlies trug die Haare inzwischen anders. Früher kurz und flott, jetzt ließ sie wachsen, frisierte sie zurück genau wie Renate. Im Flur, vorm Spiegel, standen sie beide nebeneinander: Renate näher, Marlies im Hintergrund. Sie reflektierten sich wie ein altes und neues Foto vom selben Ort.

Steht dir, so zu tragen, meinte Renate.

Meinst du? Ich habes probiert. Hab bei dir gesehen, fand ich gut, erwiderte Marlies.

Schon wieder ein bei dir gesehen. Wieder dieses feine, unsichtbare Nachahmen. Renate lächelte, doch im Bauch lächelte es nicht.

Am Sonntag rief sie ihre Tochter an.

Mama, wie läufts?

Alles ok. Marlies ist noch da, erinnerst du dich?

Ach ja. Sie wohnt immer noch bei euch?

Ja, die Akten für die neue Wohnung ziehen sich.

Und Papa?

Gut. Er und Marlies verstehen sich bestens.

Pause.

Ist das gut oder schlecht? fragte die Tochter.

Es ist gut, sagte Renate. Sie sprach das so, als ob der Boden unter dem Wort wackelt.

In der fünften Woche bat Marlies sie um den Apfelkuchen-Rezept.

Das von vorigem Sonntag, mit Äpfeln und Zimt.

Ich habs nicht aufgeschrieben, so aus dem Handgelenk eben.

Erklärs mir? Ich probier das mal.

Renate erklärte, wie man einer Fünfzehnjährigen alles erklärt. Marlies tippte auf dem Handy mit. Drei Tage später buk sie. Thomas aß und sagte nur lecker, und Renate wusste nicht, ob er den Unterschied schmeckt oder einfach nicht darauf achtet, wer bäckt.

In jener Nacht entdeckte sie in der Garderobe eine neue Jacke: hellgrau, mit Gürtel. Fast eins zu eins ihre eigene. Offenbar neu von Marlies. Renate hing ihre daneben und blickte lange ratlos auf zwei fast identische Mäntel.

Sie fragte nicht. Nicht, weil sie Angst vor einer Antwort hatte, sondern weil es keine kluge Frage dazu gab.

Beruflich war es stressig: das Gymnasium stand kurz vor einer Prüfung. Thomas blieb oft im Wohnzimmer. Marlies auch. Renate hörte Gesprächsfetzen durch die Tür. Manchmal ging sie dazu sie wurde einbezogen, aber nie mehr als dritte Person.

Irgendwann sprach sie Thomas darauf an, abends, als Marlies im Gästezimmer war.

Thomas, findest du nicht, dass Marlies mich ein wenig… imitiert?

Er blickte überrascht.

Wer? Marlies?

Ja. Frisur, Jacke, Kuchen, Parfum.

Frauen machen sowas doch oft unter sich. Das ist normal.

Vielleicht, meinte Renate. Sie wusste selbst nicht recht.

Er vertiefte sich in sein Handy. Das Thema verschwand.

Renate lag wach und dachte: Wahrscheinlich hat Thomas recht. Frauen übernehmen Dinge voneinander. Das ist doch normal. Das hat sie sicher früher selbst so gemacht. Sie wiederholte normal, als wollte sie das Wort fixieren. Aber es rutschte immer wieder weg.

In den nächsten Tagen beobachtete sie bewusster und wurde Zeugin: Marlies neigte beim Reden leicht den Kopf, exakt wie Renate beim Zuhören. Marlies sagte na eben mit gedehntem eben, wie Renate. Marlies trank Tee nun ohne Zucker, früher nahm sie zwei Löffel. Kein Zufall mehr. Eindeutig ein anderes Muster.

Renate rief ihre Kollegin Birgit an, mit der sie manchmal nicht über Unterricht redete.

Birgit, kennst du das, dass jemand plötzlich dich nachzuahmen scheint?

Wie meinst du das?

Er übernimmt Aussehen, Gestik, Gewohnheiten…

Das ist stille Eifersucht las ich mal. Der andere will dein Leben, kriegt es aber nicht ganz, also nimmt er es stückchenweise.

Renate schwieg.

Gehts um jemanden Konkretes?

Vielleicht nicht wirklich, antwortete sie. Aber sie wusste es bereits.

Das Gespräch mit Marlies kam irgendwann von selbst. Sie saßen zu zweit beim Tee, als Marlies sagte:

Renate, du bist so rund. Ich meine, alles bei dir hat seinen Platz: Wohnung, Thomas, Job. Das sieht man.

Ich habe zwanzig Jahre daran gebaut, dieses seinen Platz haben.

Das merkt man, Thomas… Sie stockte.

Was ist mit Thomas?

Ach, er schätzt dich. Er sagte, ihr versteht euch gut.

Renate stellte ihre Tasse ab.

Ihr redet über mich?

Nur so nebenbei. Er lobt dich.

Das sollte wohl schmeicheln, fühlte sich aber falsch an. Warum? Der Ehemann lobt seine Frau bei der Freundin. Eigentlich normal, und dennoch war da etwas, das nicht stimmte. Ihr Bauchgefühl, das sie oft belächelte, meldete sich. Doch Worte fehlten noch.

In der sechsten Woche bat Marlies um das Parfum.

Meins ist leer, ich schaffe es nicht mehr in die Stadt. Zwei, drei Sprühstöße?

Natürlich, sagte Renate.

Am Abend stellte sie fest: Die Flasche war zu einem Drittel leer. Kürzlich war sie noch halb voll.

Sie stellte die Flasche zurück, schloss sie in das kleine Badezimmerschränkchen und schloss ab. Dann starrte sie ins Spiegelbild und dachte: Jetzt verstecke ich mein Parfum. Was für ein Mensch bin ich.

Sie öffnete die Flasche nicht mehr.

An dem Abend kam Thomas in bester Laune nach Hause seit Marlies da war, half das Wetter zusehends. Er brachte Torte mit. Ohne besonderen Anlass.

Heute gönnen wir uns was, sagte er.

Marlies freute sich genau so, wie Renate sich gefreut hätte. Nicht mehr, nicht weniger. Perfekt, dachte Renate. Marlies reagierte auf alles richtig: lobte den Kaffee, lachte richtig, neigte den Kopf an passender Stelle. Marlies war sie bloß ein bisschen aufmerksamer und frischer. Ohne Abnutzung von dreiundzwanzig Jahren Gewohnheit.

Thomas bemerkte das, vielleicht ohne es zu verstehen. Aber er bemerkte es.

Renate aß Torte, redete normal. Doch innerlich war da diese Verschiebung ein Gefühl, als wären die Dinge in der Wohnung zwar noch an ihrem Platz, aber nur um einen Zentimeter gerutscht.

Als Renate für eine Fortbildung nach Magdeburg musste, überraschte sie die eigene Sorge: Vier Tage, Thomas allein mit Marlies? Ach Quatsch, erwachsen sind sie alle. Zu viele Gedanken.

Sie erzählte es Thomas in der Küche.

Ich bin Freitag zurück; Marlies übernimmt das Kochen.

Wir schaffen das, mach dir keine Sorgen.

Mach ich nicht…

Sie betrachtete Thomas, sein Gesicht so vertraut. Jetzt war es etwas leichter, als üblich.

Renate fuhr am Mittwoch. Las im Zug, trank Kaffee aus dem Pappbecher, blickte in neblige Felder. Die Fortbildung war öde, aber nützlich. Sie telefonierte abends mit Thomas, Gespräch ganz kurz:

Läuft alles?

Alles gut. Gekocht, gegessen.

Marlies zuhause?

Ja, schreibt was am Laptop.

Mehr nicht. Renate schlief in ihrem Hotel nicht ein. Dachte an dies und jenes. An neue Becher für den Tee. Ihr fiel die Doppelkombi: zwei graue Mäntel und der Parfümflakon ein.

Donnerstagnachmittag rief der Schulleiter an: Renate, du kannst schon heimfahren, den Wiederholungstag kannst du schwänzen. Abends, kurz vor halb zehn, war sie zu Hause: keine Staus, kein Umweg.

Sie öffnete die Tür. Thomas noch wach?

Im Wohnzimmer flackerten Kerzen zwei Kerzen, auf dem Couchtisch. Zwei Weingläser, Teller, kleine Schälchen. Es roch nach Essen und nach Gartennacht. Den Flakon hatte sie verschlossen, also hatte Marlies sich einen gekauft.

Thomas saß auf dem Sofa. Marlies auch. Sie trug ein blaues Kleid, nie zuvor gesehen, aber genau Renates Schnitt. Haare gewellt, Hände auf dem Schoß. Sie unterhielten sich. Als Renate die Tür öffnete, erstarrten beide.

Die Pause dauerte drei Sekunden.

Du bist früh dran, sagte Thomas.

Offensichtlich, erwiderte Renate.

Sie stellte die Tasche ab, zog ihren Mantel aus. Bewegte sich langsam, alles wirkte wie unter Wasser.

Es ist nur ein Abendessen, sagte Marlies.

Ich sehe. Mit Kerzen.

Pause.

Romantisch, Renate wunderte sich über ihre ruhige Stimme.

Thomas stand auf.

Mach das hier nicht…

Thomas, unterbrach Renate sanft, sag mir nicht, was ich tun soll.

Er schwieg. Marlies starrte auf die Tischdecke.

Renate ging in die Küche, trank Wasser und schaute dabei auf das Geranientopf am Fenster am Mittwoch hatte sie es nicht gegossen, weil sie nicht da war. Doch die Erde war feucht.

Marlies hat gegossen, dachte Renate.

Sie ging zurück ins Wohnzimmer.

Marlies, kannst du morgen eine andere Unterkunft finden?

Marlies hob den Blick.

Renate, das sieht jetzt nicht so aus, wie…

Bitte morgen gehen, wiederholte Renate ruhig.

Ja, sagte Marlies.

Gut.

Renate nahm ihre Tasche und ging ins Schlafzimmer. Schloss einfach die Tür. Sie legte sich angezogen aufs Bett und starrte an die Decke. Hinter der Wand klapperte Geschirr, dann wurde es still. Die Tür zum Gästezimmer quietschte.

Thomas schlief im Wohnzimmer. Das war lauter als alle Worte.

Morgens stand Renate früh auf, kochte Kaffee, trank am Fenster. Draußen die ersten Hundespaziergänger im diffusen Licht. Freitag. Ein normaler Morgen.

Thomas erschien gegen acht Uhr an der Küchentür.

Wir müssen reden, sagte er.

Ja, antwortete Renate.

Renate, zwischen mir und Marlies war nie etwas.

Kann sein.

Nicht kann sein. Es war nichts.

Thomas, du verstehst mich nicht. Es geht gar nicht darum, was war oder nicht war. Es geht darum, was ich gesehen habe in den letzten sechs Wochen.

Und das wäre?

Renate drehte sich um:

Dass ein Mensch in mein Leben trat und Stück für Stück meine Gesten, meine Kleidung, mein Lachen, meine Gerüche, meine Kuchen alles von mir nahm. Und mein Mann hat es bemerkt. Und gemocht. Weil es all das von mir war, ohne Müdigkeit, ohne Abnutzung, ohne die dreiundzwanzig Jahre.

Er schwieg.

Es ist keine Frage, Thomas. Es ist einfach so gewesen.

Du übertreibst, murmelte er.

Vielleicht, sie zog ihre Jacke an. Ich gehe zur Arbeit. Wenn ich zurückkomme, soll ihr Zeug weg sein.

Und was mit uns?

Zu großes Vertrauen. Das ist wohl typisch für mich. Ich habe zu sehr geglaubt. Euch beiden.

Sie ging. Die Tür schloss leise.

Der Tag verlief routiniert: Unterricht, Anwesenheit kontrollieren, Tee mit Birgit. Birgit fragte nicht, aber sah sofort, was los war.

Als sie heimkam, war das Gästezimmer leer und frisch überzogen. Keine Spuren. Marlies war weg, als wäre sie nie dagewesen. Nur im Bad lag ein Kamm weiß, fremd. Renate warf ihn ohne Zögern weg.

Thomas saß im Wohnzimmer, starrte aufs Handy.

Sie ist weg.

Ich sehe es, antwortete Renate.

Sie zog den Mantel aus, ging in die Küche, hantierte planlos an Töpfen.

Renate, wir haben dreiundzwanzig Jahre… das kann man nicht einfach…

Doch, sie bat um Zeit, früher als sonst. Gib mir ein paar Tage.

Wie viele?

Weiß nicht. Vielleicht eine Woche.

Das wurden sieben Tage. Sie lebten nebeneinander wie unter fremdem Dach: höflich, getrennt, Thomas versuchte es mehrmals mit Reden, Renate antwortete knapper. Es lag nicht an Trotz, sondern daran, dass all die Worte in ihr waren, aber als Paket, das sie nicht auspacken wollte.

Sie dachte viel nach: Wie es begann. Wie sie Marlies reinließ, wie man Freunde reinlässt. Weil Leid einen verbindet. Weil es normal scheint. Wann sie das Gefühl hatte, etwas laufe schief und warum sie es nicht beim Namen nannte. Nicht gleich. Diese leise Eifersucht, wie Birgit gesagt hatte. Ein vorsichtiges Umschleichen ihrer Identität, ganz sachte, ohne böse Absicht vielleicht. Jemand brauchte ein anderes Leben, nahm ihres. In Duft, Handbewegung, Meinung über Kuchen.

Am schlimmsten aber war Thomas.

Er hätte es ignorieren können. Oder ansprechen. Oder reagieren auf diese bessere Kopie, wie Renate es heimlich nannte. Aber nein: Er brachte Torte, lachte, zündete Kerzen an, während sie nicht da war. Vielleicht aus Gedankenlosigkeit. Vielleicht aus Bedürftigkeit.

In der zweiten Woche rief Renate ihre Tochter an.

Mama?

Was?

Du klingst anders.

Ich überlege, ob ich mich von Thomas trenne, sagte Renate, erstmals laut.

Schweigen.

Wegen Marlies?

Nicht nur. Marlies hat es nur deutlich gemacht, was schon war.

Was?

Keine Ahnung. Routine vielleicht. Man sieht sich nicht mehr. Dann kommt jemand, der wird du, nur frischer, und das gefällt.

Mama…

Schon gut. Ich erkläre nur.

Bleibst du jetzt allein?

Erst mal ja. Es ist ok.

Sie sagte das, und das Wort ok blieb dieses Mal wirklich an ihr haften.

Das Gespräch mit Thomas kam am Sonntagabend.

Ich denke, wir sollten uns trennen.

Er schwieg lange.

Endgültig?

Ich weiß es nicht. Aber ich brauche Raum. Ich muss sehen, wer ich bin allein, ohne dich, ohne alles.

Wegen der Kerzen? Renate, das war nur Abendessen.

Das mit den Kerzen war nur der Auslöser, Thomas. Vorher war viel mehr, und ich habe alles gesehen, aber nichts gesagt, habe behauptet, es sei in Ordnung, aber es war es nicht.

Und was habe ich konkret falsch gemacht?

Nichts Konkretes. Du hast nur aufgehört, mich zu sehen. Du hättest gemerkt, dass sich jemand als deine Frau ausgibt. Du hättest es gesehen, wenn du mich noch gesehen hättest.

Darauf gab es keine Antwort.

Die Wohnung verkaufen wir vielleicht, oder ich kaufe deinen Anteil. Nicht sofort. Bald. Ist noch Zeit.

Wo willst du hin?

Erst mal mieten. Hier oder woanders. Mal sehen.

Mit zweiundfünfzig nochmal neu anfangen… sein Ton schwang zwischen Mitleid und Fassungslosigkeit.

Ja, mit zweiundfünfzig neu anfangen. Manche tun das noch später.

Sie ging zur Küche, blieb im Bad stehen, öffnete das Parfumfach. Nahm den Flakon Gartennacht heraus, hielt ihn fest, stellte ihn dann langsam in den Mülleimer nicht geworfen, sondern ruhig abgestellt, wie etwas, das man nicht mehr braucht.

Sie stellte das Teewasser auf.

Die nächsten Tage gingen planmäßig. Sie rief einen Immobilienmakler an, ließ sich beraten, kontaktierte eine Anwältin. Besprach sich kurz mit Birgit, die wie immer verstand. Sie saßen in der Küche.

Bist du sauer auf sie? fragte Birgit.

Auf Marlies? Renate dachte nach. Nicht wirklich. Bin eher sauer auf mich, weil ich das für normal hielt, obwohl es das nicht war.

Du bist nicht schuld, dass du geglaubt hast.

Blinde Gläubigkeit. Typisch für mich.

Nicht blind, einfach nur gutgläubig. Ist ein Unterschied.

Vielleicht.

Und auf Thomas?

Ja, da bin ich leise zornig. Aber das geht vorbei.

Was willst du tun?

Neue Wohnung mieten. Frisur ändern. Anderen Duft kaufen. Wahrscheinlich nicht mehr Gartennacht.

Klingt vernünftig.

Und dann herausfinden, was mir eigentlich gefällt. Von mir aus. Nicht aus Gewohnheit.

Das dauert.

Ich habe Zeit.

Es regnete draußen, grau und mild. Renate blickte dem Regen nach und erinnerte sich: Vor ein paar Wochen hätte sie noch gewusst, wie ihr Leben aussieht. Wohnung, Thomas, Job, Wege, Rezepte, Fläschchen links im Bad. Es war alles fest, und doch merkte sie jetzt, dass dieses Festhalten längst eng geworden war.

Sie fühlte nicht die Leere, die sie erwartet hatte. Eher das leise, irritierende Gefühl, als hätte sie einen alten Mantel ausgezogen, der immer schon in den Schultern gezwickt hatte.

Weißt du, sagte sie, ich weiß erstmals seit Jahren nicht, wie es weitergeht. Und das… ist auszuhalten.

Auszuhalten, wiederholte Birgit und lächelte. Gutes Wort.

Eine Woche später besichtigte Renate eine Einzimmerwohnung in einem anderen Viertel von Halle. Vom Fenster sah man auf den kleinen Park. Teurer, aber machbar. Sie stand im leeren Zimmer, spürte das Knarren des Dielenbodens.

Ich nehme sie, sagte sie.

Für wie lange? fragte die Vermieterin, eine ältere Dame.

Ein Jahr erst mal.

Daheim begann Renate zu sortieren. Ruhig, nicht hastig. Teile ablegen: Bücher, Geschirr, Kleidung. Vieles verschenkte sie. Sie gab sogar ihre graue Jacke ab, gönnte sich eine neue, fast marineblaue, ein anderer Schnitt. Sah sich im Spiegel. Nichts mehr aus Marlies Repertoire. Es passte.

Mit Marlies hatte sie keinen Kontakt mehr. Einmal kam eine Nachricht: Renate, ich weiß, ich habe dich verletzt. Verzeih, wenn du kannst. Renate las sie, antwortete aber nicht. Nicht aus Groll, sondern weil sie selbst noch nicht wusste, wo sie steht.

Thomas blieb in der Wohnung. Sie redeten sachlich, ruhig. Es hatte etwas Bitteres und gleichzeitig Erleichterndes. Er wirkte ratlos. Vielleicht, weil er nie ganz verstand, was er verloren hatte.

Freitag, kurz vorm Umzug, ging Renate Parfum kaufen. Stand lange vorm Regal, probierte. Die Verkäuferin empfahl viel, Renate winkte ab, nahm schließlich ein Parfum: Silberne Zeder. Ganz anders, etwas holzig, mit innerer Wärme. Nicht wie früher. Gerade deswegen.

Gute Wahl, sagte die Verkäuferin.

Mal sehen, antwortete Renate.

Der Umzug dauerte einen halben Tag. Birgit half beim Kisten tragen. Thomas ebenso, kommentarlos. Nun standen ihre Sachen in der neuen Wohnung, alles am neuen Ort den sie allein bestimmte.

Abends, nach dem Gehen aller Helfer, öffnete Renate den Flakon Silberne Zeder. Der Duft war fremd. Nicht unangenehm, nur ungewohnt. Vielleicht würde sie sich daran gewöhnen. Oder auch nicht. Sie hielt ihr Armgelenk an die Nase und atmete durch.

Draußen lag der Park fast leer da, November griff nach den letzten Blättern. Die Straßenlaternen glühten früh, wie immer in jener Zeit. Renate kochte Tee, fand die neue, rissfreie Tasse und setzte sich ans Fenster.

Das Handy klingelte. Tochter am Apparat.

Und wie ists, Mama? Eingelebt?

Ich lebe mich ein.

Hast du Angst?

Renate blickte auf die Laternen, den Nieselregen.

Nein, antwortete sie. Weißt du, ich habe keine Angst.

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