„— Bleib einen Monat hier, ich bin kein Tier, — sagte ihr Ehemann, als er zu einer anderen Frau ging. Drei Jahre später zog er zitternd den Ring hervor.“

Der Koffer stand schon an der Tür, und auf dem Herd köchelte noch der letzte Rest Gulasch mit Semmelknödeln. Wie sehr er das geliebt hatte.

Heike wischte ihre trockenen Hände automatisch mit einem Handtuch ab. Sie starrte auf den bekannten Hinterkopf, auf das Muttermal hinter seinem Ohr, das sie tausendmal geküsst hatte und erkannte ihn kaum noch.

Gehst du auf Dienstreise? fragte sie, halb lachend.

Nein, Heike. Ich gehe. Das Wort hing schwer in der Küche, wie der Geruch von verbranntem Holz.

Wohin?

Wohin anders. Das Handtuch fiel ihr aus den Händen.

Jürgen

Heike, lass die Dramen. Wir beide wissen, dass das längst vorbei ist. Ich habe nur den Entschluss gefasst, du hast ihn nicht.

Vorbei? Sie lachte nervös, fast ängstlich. Morgen ist unser Jubiläum. achtzehn Jahre.

Genau. achtzehn Jahre vom selben Gulasch.

Der Schlag traf ihn mitten ins Herz. Sie schnappte nach Luft.

Ich habe meine Doktorarbeit aufgegeben, nur für dich. Ich hätte sein können

Du hättest nie irgendetwas sein können. Er lächelte das Lächeln eines Mannes, der sich selbst bemerkt. Restaurator. Wer braucht heute noch Ikonen, Staub Ich habe dir das Leben geschenkt die Wohnung, das Auto, jedes Jahr das Meer.

Du hast?

Nun ja. Die Wohnung ist meine, aber ich bin kein Tier. Lebe ein bis zwei Monate. Dann klären wir das.

Sie klammerte sich an die Rückenlehne des Stuhls, die Finger wurden bleich.

Wer ist sie?

Ist mir egal.

Wer?

Er blickte auf die Uhr.

Lena. Zweiundzwanzig. Sie lebt, Heike. Sie geht ins Theater, fährt Ski, lacht. Und du bist längst zur Haushälterin geworden, ohne es zu merken.

Heike schwieg, ein Kloß hielt sich im Hals.

Jürgen packte den Koffer, drehte sich zur Tür und in seinen Augen blitzte etwas auf keine Reue, sondern Ärger, wie bei einem Besitzer, der seinen alten Hund im Tierheim zurücklässt.

Mach dir nichts draus. Achtunddreißig ist kein Todesurteil. Genieße die Freiheit, Heike. Du hast sie dir verdient.

Die Tür schloss sich. Das Gulasch kühlte weiter auf dem Herd.

Die erste Woche weinte sie nicht. Sie tappte durch die Wohnung, als wäre sie ein Museum fremden Lebens: seine Hemden, seine Zahnbürste, die halb getrunkene Tasse auf dem Tisch.

Am achten Tag klingelte Tanja.

Heike, alles klar mit dir?

Ein Schwall löste sich. Sie schrie ins Telefon, sodass die Nachbarin unten nachfragte, ob alles in Ordnung sei.

Tanja ich bin achtunddreißig. Ein leeres Fach. achtzehn Jahre habe ich Gulasch gekocht, ich kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal einen Pinsel in die Hand nahm

Und was erinnerst du dich?

Was?

Erinnerst du dich, warum du zur Restaurierung gegangen bist?

Heike erstarrte. Vor ihrem inneren Auge erschien die Halle der Alten Nationalgalerie, sie war neunzehn, stand vor der Dreifaltigkeit und weinte, weil Menschen das schaffen konnten, was über Jahrhunderte erhalten bleibt.

Ich erinnere mich.

Dann hol deine Farben aus dem Abstellraum. Ich habe sie dort gesehen, vor fünf Jahren.

Die Farben fand sie in einer Schuhschachtel, hinter alten Vorhängen. Versteift, zur Hälfte unrettbar, doch die Pinsel alte Kolumnenpinsel, die sie einst aus einem Stipendium gekauft hatte, weil sie auf Mittagessen verzichtete waren intakt.

Heike setzte sich auf den Boden des Abstellraums und weinte aber anders, leise.

Am nächsten Morgen schrieb sie sich in die kostenpflichtigen Kurse an der Kunstakademie Berlin ein das letzte Geld, das sie für einen geplanten Urlaub zurückgelegt hatte, den sie jetzt nicht mehr brauchte.

Sie ging zum Friseur, ließ die lange Zöpfe abschneiden, die Jürgen seit zwanzig Jahren verboten hatte. Im Spiegel sah sie eine fremde Frau: scharfe Wangenknochen, lebendige, fast wütende Augen.

Na, hallo. Lange nicht gesehen.

Drei Monate Studium: Museen, Notizen, nachts skizzieren zuerst zaghaft, dann sicherer. Die Hände erinnerten sich, das Gedächtnis vergaß nicht.

Im Februar rief Tanja wieder an.

Heike, hör zu. Kennst du Arno Leusch, bei dem Misha arbeitet? Seine Mutter ist gestorben, das Haus in Klein Ketzin ist vererbt worden. Alte Ikonen, ein ganzes Regal. Er wollte sie entsorgen

Nicht einmal! Lass ihn das nicht tun!

Dachte ich mir vielleicht schaust du hin? Er zahlt.

Schau ich morgen.

Die Ikonen waren in furchtbarem Zustand acht Stück, schwarzgebrannt, abblätternde Goldschicht, Risse. Heike beugte sich hin und ihr Herz pochte so laut, dass es in den Ohren dröhnte.

Herr Leusch, flüsterte sie rau, das hier ich muss es unter einer Lampe untersuchen, aber ich vermute: 17. Jahrhundert, Nordbriefe, sehr wertvoll.

Er hob skeptisch die Augenbraue.

Wie viel?

Die Restaurierung kann ich nicht genau beziffern. Der Verkauf später aber viel.

Kannst du das?

Heike sah die verblassten Portraits, kaum durch den Ruß hindurch. Sie begriff: das war ihre Chance, die einzige.

Ich kann.

Ein halbes Jahr Arbeit. Sie richtete ein winziges Atelier am Stadtrand ein der Geruch von Lösungsmitteln war im Wohnblock kaum auszuhalten. Sie aß Brot mit Butter, verlor zwölf Kilo, weinte zweimal vor Verzweiflung, als die Arbeit fast scheiterte. Einmal rief sie um vier Uhr morgens ihre ehemalige Dozentin an die heilige Frau kam eine Stunde später mit einer Thermoskanne.

Dann kam die erste Ikone, befreit, strahlend.

Arno Leusch schwieg lange.

Heike, das ist ein Wunder.

Kein Wunder, nur Arbeit.

Er zahlte das Doppelte. Eine Woche später rief sein Bekannter an, dann der Bekannte des Bekannten, dann ein Galerist aus der Friedrichstraße. Das Flüstern in der Branche verbreitete sich schneller als das schnellste Radio.

Ein Jahr verging, dann noch eines. Heike wohnte nun in einer kleinen, aber eigenen Mietwohnung mit hohen Decken. Das Atelier lag am Kreuzberger See, Aufträge standen für ein halbes Jahr im Voraus Arbeiten für zwei Klöster und die private Sammlung eines bekannten Unternehmers, dessen Name in den Wirtschaftszeitungen mit Zittern geschrieben wurde:

Dieter Wolff.

Er kam selbst ins Atelier, schickte keine Kurier, setzte sich ans Fenster und sah ihr beim Arbeiten zu. Manchmal brachte er Kaffee, manchmal auch nichts.

Sie sind ein merkwürdiger Kunde, Herr Wolff.

Ich bin ein merkwürdiger Mensch. Stört es Sie, wenn ich bleibe?

Nicht.

Fünfundvierzig, verwitwet, schlaue, müde Augen, Hände eines Pianisten nur spielte er nicht am Klavier, sondern am Börsenparkett.

Zwischen ihnen war nichts. Noch nicht. Doch Heike ertappte sich manchmal dabei, wie sie seine Besuche erwartete.

An jenem Abend wollte sie nicht ausgehen, doch Tanja drängte die Jubiläumsfeier einer Galerie am Potsdamer Platz, das ganze Berliner Kunstleben, Kunden würden dort sein, sie sollte nicht weiter in ihrer Kammer faulen.

Heike zog ein schlichtes schwarzes Kleid an das erste Kleid, das sie je von einem guten Designer gekauft hatte, einen Monat vorher. Perlenohrringe, ein Geschenk eines dankbaren Kunden. Pumps, von denen sie gerade erst loskam.

Dieter Wolff fuhr selbst, ohne Chauffeur.

Sie heute

Was?

Strahlen.

Sie lachte, wirklich, zum ersten Mal seit langem.

Im Saal summte das Gespräch, Champagner floss. Heike stellte sich vor ein Bild von Carl Spitzweg und tat so, als würde sie es prüfen nur um durchzuatmen.

Heike?

Sie drehte sich um. Vor ihr stand Jürgen. Alt geworden, grau, Tränensäcke unter den Augen, ein Glas in der Hand, die Hand leicht zitternd. Neben ihm eine junge, schlanke Frau mit missmutigem Gesicht, die wie an einem Kleiderbügel hing und ungeduldig tat:

Jürgen, lass uns gehen, mir ist langweilig

Warte, Lena.

Er sah Heike an und erkannte sie nicht.

Du? Bist du das wirklich?

Hallo, Jürgen.

Du hast dich ja ganz verändert.

Die Zeit läuft.

Lena zog ihn am Ärmel.

Wer ist das?

Das meine ExFrau.

Lena warf Heike einen schnellen, weiblichen Blick zu von den Schuhen bis zu den Ohrringen.

Freut mich. Ich setze mich an die Bar.

Sie ging, die Absätze klapperten.

Allein blieben sie, mitten im Saal, in der Menge, aber nur zu zweit.

Wie bist du hier gelandet?

Ich arbeite. Restaurator. Kunden.

Restaurator? Er zuckte die Schultern. Echt?

Echt.

Heike Er kam näher, roch nach Cognac. Ich muss es dir sagen: Ich war ein Idiot.

Sie schwieg.

Lena ist ein Alptraum. Sie kann nicht mal ein Ei braten. Immer nur Clubs, Resorts, Restaurants. Ich bin müde, Heike.

Kann ich mir vorstellen.

Ich lasse mich scheiden. Hab das schon eingereicht. Er packte ihre Hand. Lass uns noch einmal versuchen. Du hast mich doch immer geliebt.

Heike sah auf seine Finger fremd, einst die nächsten Vertrauten, jetzt nur noch fremd. Sanft ließ sie die Hand los.

Jürgen, erinnerst du dich an deine Abschiedsworte?

Er runzelte die Stirn.

Du sagtest genieße die Freiheit.

Heike, ich wollte nicht

Warte. Ich will dir danken. Ohne Ironie.

Er sah verwirrt.

Du hast mir wirklich Freiheit geschenkt. Ich konnte sie nicht öffnen, wie ein Geschenk, das man fürchtet. Und dann habe ich es geöffnet. Darin war ich selbst, die Frau, die ich vor achtzehn Jahren begraben habe.

Heike

Also danke. Und… nein. Ich komme nicht zurück.

Warum? Ich habe Wohnung, Geld, alles.

Jürgen. Ich versorge mich selbst. Schon lange.

In diesem Moment kam Dieter Wolff, ruhig, leise, mit zwei Gläsern.

Heike, sind Sie bereit? Der Sammler aus Hamburg wartet.

Ja, Herr Wolff, natürlich.

Sie reichte ihm die Hand, er nahm sie. Jürgen stand noch da, sah ihr gerade Rücken, wie der gut gekleidete Mann sich ehrfürchtig vor ihr verbeugte.

Lena schimpfte leise an der Bar, er hörte nichts. Heike drehte sich kurz zur Tür, winkte nicht triumphierend, nur ein leises Winken, wie man einem alten Bekannten, mit dem man friedlich auseinandergegangen ist, zuwinkt.

Der Sammler war ein grauer, kräftiger Mann mit kindlichen blauen Augen: Boris Kraus. Er küsste die Hand altmodisch, mit Verbeugung, rief Madame ohne Spott.

Dieter Wolff hat von Ihren Werken gesprochen. Ich glaubte nicht, bis ich sah.

Er erinnerte sich an ein Bild, das er vor drei Monaten gekauft hatte: Muttergottes, Barmherzigkeit, 18. Jahrhundert.

Haben Sie das gekauft?

Ich. Und ich will mehr. Ich habe etwas Delikates.

Sie gingen zur Fensterbank. Dieter blieb dezent, aber in der Nähe, sein Rücken war ihr vertraut, und das war seltsam warm.

Heike sah, wie Jürgen noch immer vor dem Bild von Carl Spitzweg stand, allein. Lena war längst gegangen wohl mit einem kleinen Skandal. Er blickte zu ihr, doch Heike wandte sich nicht mehr ab.

Ich habe eine Ikone, flüsterte Boris Kraus. Aus Neuenburg, 16. Jahrhundert. Das Problem: Die Geschichte ist undurchsichtig.

Heike spürte das Zittern.

Gestohlen?

Nein. Sie wurde in den 20erJahren exportiert, dann nach Paris, nach New York. Vor zwei Jahren legal auf einer Auktion gekauft, ich will sie zurück nach Deutschland. Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Übermalungen vorgenommen. Unter den Schichten liegt ein wahres Meisterwerk.

Warum das?

Boris schwieg einen Moment.

Meine Großmutter stammte aus Neuenburg. 1924 gingen wir weg. Ihr Vater, ein Pfarrer, wurde 1937 hingerichtet. Ich suche diese Ikone seit vierzig Jahren.

Heikes Augen füllten sich mit Tränen.

Ich nehme sie.

Die Arbeit an der Neuenbürger Ikone sollte in einem Monat beginnen, nach den behördlichen Freigaben. Bis dahin lief das Leben weiter.

Am Montagmorgen fand Heike vor der Tür einen Briefumschlag, ohne Briefmarke, in wackeliger Handschrift:

Heike, wir müssen reden. Nicht am Telefon. Mittwoch, sieben Uhr, vor deinem Atelier, im Café an der Ecke. Wenn du nicht kommst, verstehe ich das. Aber bitte.

Sie starrte lange auf das Papier, zerknüllte es, glättete es, knüllte es erneut.

AmHeike lächelte, schloss die Tür hinter sich und trat in ein neues, unbeschwertes Leben.

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