Anna eilte nach Hause. Auf der Uhr war es bereits fast zehn Uhr abends, und sie wollte unbedingt so schnell wie möglich zu ihrer Wohnung kommen, zu Abend essen und sich ins Bett werfen.

Lena eilte nach Hause. Auf der altmodischen Wohnzimmeruhr zeigte es fast zehn, und ihr Magen drängte sich nach einer warmen Mahlzeit und dem weichen Bett. Der Tag war ein endloses Band aus Flicken und Schnitten gewesen. Ihr Mann wartete bereits, das Abendbrot dampfte, ihr zwölfjähriger Sohn Jonas war satt.

Lena arbeitete in einem kleinen Friseursalon im Stadtteil Friedrichshain, heute hatte sie die Nachtschicht. Als die Türen hinter ihr klapperten, wischte sie die Stühle ab, schaltete die Alarmanlage ein und zog die Riegel zu ein kurzer Augenblick, und die Welt schien stillzustehen.

Der Weg nach Hause führte durch einen winzigen Stadtpark, dessen Bänke tagsüber von Rentnerinnen bewohnt und abends von flackernden Laternen bewacht wurden. Es war normalerweise ein sicherer, fast schon muffiger Ort.

Doch in dieser Traumnacht roch eine der Bänke nach Regen und Staub. Auf ihr kuschelten zwei Kinder ein Junge, etwa neun oder zehn, und ein Mädchen, das nicht älter als fünf schien. Ihre Augen spiegelten ein fahles Mondlicht. Lena verlangsamte ihren Schritt und trat näher.

Was macht ihr denn hier ganz allein? Es ist schon spät! Kommt, wir gehen nach Hause, rief sie.

Der Junge blickte sie prüfend an, strich dem Mädchen beruhigend über den Kopf und zog sie fester an sich.

Wir haben keinen Weg mehr. Der Stiefvater hat uns vertrieben.

Wo ist eure Mutter?

Bei ihm. Betrunken.

Lena zögerte keinen Moment.

Kommt mit mir, wir finden einen Platz. Morgen wird alles geklärt.

Sie nahm Heike, das Mädchen, bei der Hand, und reichte dem Jungen, Lukas, eine andere Hand. Gemeinsam schleppten sie die beiden Kinder zu ihrer kleinen Wohnung im dritten Stock eines grauen Plattenbaus, dessen Fenster wie träge Augen aussahen.

Lena erklärte die Situation ihrem Mann und Jonas. Beide, die ihr Herz kannten, fragten nicht nach, zeigten ihr sofort das Badezimmer und schoben die Kinder an den Tisch. Hungrig, aber schüchtern, fraßen Heike und Lukas alles, was ihnen gereicht wurde.

Später klopfte Lena an die Tür ihrer Nachbarin Frau Weber, deren Tochter in die erste Klasse ging, und bat um Kleidung für Heike. Die Familien hatten stets ein paar alte Stoffe übrig, und bald lag ein bunter Stapel Kleidung auf dem Flur.

Lena badete Heike, zog ihr frische Kleider an. Lukas wusch sich selbst; auch für ihn fanden sich Stücke aus vergangenen Zeiten. Die Kinder schliefen nebeneinander auf dem abgewetzten Sofa, das Heike nie vom Bruder ließ, und Lukas hielt sie fest in den Armen.

Gesättigt und erschöpft fielen die beiden in einen tiefen Schlaf. Lena schickte ihren Sohn in sein Zimmer und verweilte lange mit ihrem Mann in der Küche, flüsterte über das Ungeheure, das sie gerade erlebt hatte.

Am nächsten Morgen stand sie früh auf, brachte ihren Mann zur Arbeit und bereitete sich auf ihre zweite Schicht vor. Die Kinder erwachten, sie fütterte sie, packte das frisch gewaschene, noch feuchte Kleid in einen Plastiksack und trat nach draußen.

Sie gingen zusammen zu einem Haus, das nur wenige Schritte entfernt stand. Die Tür im dritten Stock stand offen wie ein lauernder Mund. Die Kinder traten ein und erstarrten im Flur.

Lena blieb stehen, ihr Blick suchte die Frau, die dort stand ein junges Gesicht, von Sorgen gezeichnet, ein auffälliger Grübchen unter dem Auge. Sie sah die Kinder mit leerer Gleichgültigkeit an und murmelte: wer bist du?

Das ist Tante Lena, sagte Lukas leise.

Ach gut, schnaufte die Frau und wandte sich wieder dem Zimmer zu, als wäre nichts geschehen. Lena erstarrte war das die Mutter der Kinder?

Plötzlich drehte sich die Frau um und sagte: Komm zur Küche, wir reden.

Lena folgte. Trotz der ärmlichen Behausung war alles blitzblank: Geschirr glänzte, der Boden schimmerte, ihre alte, abgenutzte Schürze hing ordentlich an der Wand. Setz dich, befahl die Frau und wies auf einen Stuhl.

Lena setzte sich. Die Frau gegenüber blickte mit einem müden, aber wachen Auge und fragte: Hast du Kinder?

Ja, einen Sohn, zwölf Jahre, antwortete Lena.

Hör zu Wenn mir etwas geschieht, lass die Kinder nicht allein, ja? Sie tragen keine Schuld.

Lena erschrak. Willst du sie verlassen?

Ich kann nicht mehr. Ich habe es so oft versucht, doch es geht nicht. Und er, sie nickte Richtung des Flurs, wo ein lautes Schnarchen dröhnte, die Polizei hat schon versucht zu helfen. Er kommt zurück, schlägt schlimmer. Ohne Alkohol halte ich nicht mehr aus, ich trinke jeden Tag. Er wirft die Kinder vor die Tür, sie sind nicht seine.

Wo ist der Vater?

Er ertrank, als Heike gerade ein Jahr alt war. Seitdem bin ich allein.

Du hast keinen Job?

Ich war Kassiererin im Supermarkt, letzte Woche gefeuert wegen zu vieler Fehlzeiten.

Und dein Mann?

Er schleppt ab und zu etwas, wir kommen irgendwie durch.

Die Frau schwieg lange, dann wiederholt sie: Wenn etwas passiert, bitte, lass die Kinder nicht allein. Du bist gutherzig. Wenn du sie nicht aufnehmen kannst, bring sie ins Heim, bitte.

Lena stand auf, ihr Verstand taumelte, als würde er im Traum schweben. Alles erschien ihr wie ein wirrer Albtraum. Die Kinder kamen zu ihr, drängten sich an, umarmten sie. Tränen stiegen ihr in die Augen, sie wischte sie hastig mit dem Ärmel ab und sagte zu Jonas, dass er wisse, wo er sie finden könne.

Im Freien ließ sie die Tränen wie Regen fallen, sodass Passanten erstarren und nach unten blicken mussten. Noch am selben Abend erzählte sie ihrem Mann alles. Er stellte keine Fragen, sondern schwor, die Kinder niemals allein zu lassen. Jonas, der das Gespräch hörte, umarmte beide Eltern. So saßen sie schweigend in der Küche, eng umschlungen.

Drei Tage später kam Anton, Lenas Bruder, völlig aufgelöst. Mama ist verschwunden, der Stiefvater wurde von der Polizei abgeführt. Heike ist jetzt bei der Nachbarin, aber sie holen sie noch heute ins Heim. Er rannte zurück zu seiner Schwester. Noch am selben Tag wurden die Kinder tatsächlich ins Heim gebracht.

Am folgenden Tag fand man die Mutter der Kinder im Fluss ein tragischer Tod, als hätte sie ihr Schicksal vorausgeahnt und deshalb Lena um Hilfe gebeten.

Lena und ihr Mann begannen, das Jugendamt zu kontaktieren, um das Sorgerecht zu erlangen. Verwandte von Anton und Heike gab es nicht; nach langen Prüfungen und dank Lenas Schilderung des Gespräches erhielt das Amt die Erlaubnis.

Lena musste die Arbeit aufgeben. Heike war stark verängstigt, vertraute nur ihrem Bruder, hielt sich ständig an ihm fest. Selbst ein fallendes Löffelchen ließ sie ängstlich zu Lenas Mann aufblicken, als erwartete sie Bestrafung.

Es erforderte viel Geduld, ihr Vertrauen zu gewinnen. Anton, der Ältere, erkannte schnell, dass in diesem Haus weder Schmerz noch Angst herrschten.

Nach und nach öffnete sich das kleine Mädchen. Sie trat selbstbewusst zu Lena, spielte mit Jonas, lächelte und sprach, obwohl sie den Ehemann noch ein wenig fürchtete ein tief verwurzelter Schrecken vor erwachsenen Männern.

Er aber behandelte sie sanft, behutsam. Er hatte immer von einer Tochter geträumt, doch Lenas Gesundheitszustand erlaubte keine eigenen Kinder mehr. Und dann, an dem Tag, an dem er nach einer dreitägigen Geschäftsreise zurückkehrte, standen Lena und Heike bereit, ihn zu empfangen. Er umkreiste sie, streckte die Hände aus.

Heike trat vorsichtig näher, umarmte ihn am Nacken. Er hob sie hoch, und gemeinsam gingen sie in die Küche. Als sie Heike lachend sahen, kamen die anderen Jungen, dann Lena. Alle umarmten sich, standen still, doch das Herz wärmte sich wie ein leiser Sommerwind.

In diesem Haus wird nun alles gut sein.

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