— Lukas, wer ist das? Warum stehen hier so viele Leute? — Die Stimme von Liselotte bebte, sie drückte den Ellbogen ihres Sohnes fester. Ein Bild flackerte in ihrem Kopf: „Hab das Wochenendhaus verkauft – ganz ohne zu fragen – und jetzt kommen die neuen Besitzer, um zu herrschen.“ Der Gedanke ließ ihr den Mund austrocknen, und sie ließ seine Hand los, erstarrte und starrte in den eigenen Garten.
Der Duft von Kiefernholz hing schwer in der Luft, so intensiv, dass Liselotte schon beim Betreten des Tores die Nase zu kribbeln begann. Jetzt mischte sich dieser harzige Geruch mit Kalk und Schweiß. Menschen standen im Hof – ein Heer von zwanzig, vielleicht mehr. Männer in abgetragenen T-Shirts und staubigen Jeans, zwei Frauen mit Rollen Filmfolie, ein Junge auf einer Leiter, ein anderer – hoch oben auf dem Dach, Hammer in der Hand. Jemand schleppte Säcke Zement, ein anderer rührte in einem Eimer eine weiße, scharf riechende Kalkpaste. Ihr einst stilles, tristes Grundstück, das gestern noch nur ein Stück Erde war, wirkte nun wie ein Ameisenhügel im April.
— Lukas, flüsterte sie trocken, fast ohne Stimme. — Siehst du das? Wenn du das Haus ohne mein Einverständnis verkauft hast, verzeihe ich dir das nie. Sag ehrlich, das sind fremde Leute?
— Mami, halt, welche neuen Besitzer? stammelte Lukas, völlig verwirrt. — Was? Das sind meine Leute. Meine.
— Was heißt „meine“? Was passiert hier? Meine Hand ruft nach meinem Handy in der Tasche, und wenn du mir das nicht sofort erklärst, rufe ich die Polizei.
Ihre Hand zitterte, doch die Finger gehorchten nicht. In einem Augenblick flammten alle Erinnerungen auf: das kleine Häuschen, das sie fünfzehn Jahre lang auf- und abgebaut hatte, die nie fertiggestellte Veranda, weil das Studium von Lukas, das Autokredit, die Zahnprothese, das neue Laminat in der Stadtwohnung – alles wartete. Jetzt stampften fremde Gestalten über das Stück Erde, das sie wie ein Kind gehütet hatte.
— Mama, sagte Lukas und legte ihr eine Hand auf die Schulter. — Das sind keine fremden Eigentümer. Ich habe sie gerufen.
Liselotte erstarrte mit dem Rucksack am Arm, sah ihren Sohn, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Fünfunddreißig, graue Schläfen, breite Schultern – ein Bild ihrer selbst, nicht ihres Vaters. In ihren Augen kein Trotz, keine Angst, nur ein stilles, ruhiges Erwartungslicht.
— Du?
— Ich. Das sind meine Leute. Alle von der Arbeit, von der Uni, die Kumpel vom Fußballhof. Erinnerst du dich an Pascal?
Liselotte erinnerte sich an Pascal. Der dünne, immer hungrige Junge, der immer zum Abendessen zu ihnen kam, weil sein Zuhause offenbar nicht genug bot. Sie hatte ihm stets eine extra Portion untergeschoben und getan, als merke sie seine Scham nicht.
— Pascal ist hier?
— Hier, ebenso Sascha, Marten mit dem roten Haar und Jens, der bei meiner Hochzeit der Trauzeuge war. Fast alle, die du gefüttert hast, Mama.
Sie sah den Hof mit den Augen einer Träumerin. Das war also der Grund für die vagen Gesichter. Der Junge auf der Leiter – einst der Junge, dem sie Lukas’ altes Fahrrad gab, als seine Familie in ein Plattenbau zog. Der mit dem Eimer – Sascha, der in der neunten Klasse das Glasfenster zerbrach und den Ersatz nicht erwiderte. Sie waren zu Männern geworden, stark und ernst, und standen nun zwischen Brettern und Setzlingen.
— Warum? fragte Liselotte leise. — Lukas, warum?
Lukas schwieg, dann ergriff er behutsam ihre Hand, so zerbrechlich wie Glas, und zog sie zu sich.
— Du hast dein ganzes Leben für dieses Wochenendhaus gespart, Mama. Erinnerst du dich an die Veranda? Die große mit Schiebetüren, wo du im Sommer Tee trankst und den Sonnenuntergang beobachtest? Vor etwa fünfzehn Jahren hast du das Bild aus einem Magazin an den Kühlschrank gehängt.
Liselotte nickte. Das vergilbte Ausschnittbild, die Ecken abgeknickt, lag noch irgendwo, bis der alte Kühlschrank ausgetauscht wurde und das Stück Papier verschwunden war.
— Du hast immer von Gehalt zu Gehalt gespart, fuhr Lukas fort, — bis ich die Zulassung bekam, die Nachhilfe, die kleine Mietwohnung, als Vera und ich heirateten… — Mama, du hast die Schlafzimmerrenovierung sechs Jahre lang aufgeschoben. Deine Tapete mit Blumen ist immer noch dran, älter als ich. Ich hörte dich sagen: „Die Veranda kann warten.“ Aber sie wird nicht warten. Genug geträumt.
Liselotte schwieg so lange, dass Pascal vom Dach den Hammer fallen ließ und erstarrte, die Augen auf sie gerichtet.
— Ich zahle deine Schuld zurück, sagte Lukas. — Die Arbeitskolonne arbeitet kostenlos. Wir schaffen das in einer Woche. Hier, schau.
Er zog ein gefaltetes Blatt aus seiner Jackentasche, öffnete es. Auf dem Papier war ein sauberer Bauplan, mit Maßen und Randnotizen, kein Magazin‑Ausschnitt, sondern ein echter Entwurf, der die alte Apfelbaum berücksichtigte, den sie ausdrücklich nicht fällen wollte.
— Den Apfelbaum umgehen, sagte Lukas und erwiderte ihren Blick. — Wir haben alles durchdacht. Das Fundament wird verstärkt, Fußbodenheizung – ich habe von einem günstigen, zuverlässigen System gehört. Im November kannst du dich darin einkuscheln, den Tee trinken.
Eine Träne rollte über Liselottes Wange und blieb an der Mundwinkel haften, ohne dass sie sie bemerkte. Sie sah die Männer, die einst mit ihr Fußball spielten, Knie zerschlugen, aus ihrer Pfanne heiße Frikadellen stahlen, Hausaufgaben austauschten und bis zur Stimme rauchten über alte Computer‑Spiele. Jetzt kamen sie – freiwillig, kostenlos – um ihre Traumveranda zu bauen.
Plötzlich hörte sie ein Husten hinter dem Zaun, und ein Kopf in bunter Kopftuch erschien. Vera Annen, die Nachbarin links, stets mit dem Blick „Ich hab’s dir ja gesagt“. Sie streckte die Hände aus, als würde sie einen Staatsgrenzvertrag beobachten.
— Liselotte, bist du das? sang sie mit süßer, fast metallischer Stimme. — Was haben wir hier, ein Marktplatz voller Maschinen?
— Guten Morgen, murmelte Liselotte, wischte sich automatisch die Wange ab. — Das sind meine Kinder und ihre Freunde. Sie helfen mir beim Bau.
— Eine Veranda? rief Vera aus, die Hände wirbelnd. — Habt ihr eine Genehmigung? Ihr wisst doch, dass man heute bei Privatbauten Strafen kassiert, wenn man nicht zahlt. Und euer Stück Land ist doch winzig, drei Meter Abstand zu meinem Zaun – beachtet ihr das? Ich habe einen Neffen im Bauaufsichtsamt, das könnte ich melden.
Lukas drehte sich um, trat ruhig zum Zaun.
— Guten Tag, Frau Annen. Wir haben die Genehmigung, das Projekt ist abgestimmt, die Brandschutzvorschriften erfüllt. Mein Freund ist Architekt, er hat alles geprüft. Möchten Sie die Unterlagen sehen?
Vera wurde blass, überraschen von seiner Ruhe.
— Na gut, sagte sie, einen Schritt zurücktretend. — Ich will sehen, was ihr schafft. Sonst gibt’s Lärm, und meine Enkel schlafen nicht.
— Kein Problem, antwortete Liselotte, ihre Stimme plötzlich fest. — Eure Enkel haben letztes August Pfannkuchen bei mir gegessen, weil ihr sie vergessen habt zu füttern. Sie schlafen jetzt später.
Vera verzog die Lippen, verschwand hinter dem Zaun. Pascal, der noch oben stand, grinste und holte den Hammer wieder hervor. In Liselotte erwachte zum ersten Mal seit Jahren ein Kampffieber. Jetzt würde sie ihren Traum verteidigen.
Die nächsten zwei Stunden schwebte Liselotte in einem halbtransparenten Zustand, als träume sie. Sie dachte, sie schlafe, während Lukas sie auf einen klappbaren Stuhl unter dem Apfelbaum setzte, ihr eine alte Tasse mit abgerissenem Griff reichte – dieselbe, aus der sie als Kind Tee getrunken hatte – und heißen Tee aus einer Thermoskanne einschenkte.
— Setz dich, befahl er streng. — Dein Job heute ist nur zuzusehen. Keine Ausreden, kein Gurken gießen. Verstanden?
Sie wollte widersprechen – Gewohnheit, vier Jahrzehnte des Streitens –, aber ließ es bleiben, lehnte sich zurück und beobachtete.
Pascal und sein Freund sägten Bretter, die Säge kreischte, bis der Nachbarhund heulte. Marten, jetzt kahl und würdevoll, rührte die Mischung und erklärte einer Frau mit Setzlingen etwas. Lukas ging von Gruppe zu Gruppe, gab Anweisungen, nickte, seine Miene erwachsen, konzentriert, ein echter Herr des Hofes – ihr Sohn, der Besitzer dieses Platzes, der das Leben zurückgibt, das er ihr schenkt.
Kurz vor drei Uhr nachmittags stand Liselotte auf. Genug war genug. Sie wollte nicht länger nur zuschauen.
— Ich koche das Mittagessen, sagte sie zu Lukas.
— Mama…
— Nicht „Mama“, erwiderte er. — Wir sind zwanzig hier, seit acht Uhr auf den Beinen. Was sollen wir essen, nur Brot und Aufschnitt?
— Genau. Ich mach’s schnell.
Sie ging ins Haus, das kühl und nach Sommerstaub roch. Der Kühlschrank zeigte noch Eier, Butter, ein dreijähriges Glas Senf, ein Stück Käse – nichts. Sie seufzte. Doch als sie auf die Veranda trat, warteten schon zwei junge Frauen, eine mit einem Bündel Folien, die andere mit zwei riesigen Tüten.
— Hier Gemüse, Hähnchen, Eier, Mehl, Butter, sagte die Eine. — Lukas hat gestern eingekauft, meinte sie: „Mama will kochen, streit nicht, gebt mir nur die Zutaten.“
Liselotte nahm die Tüten, sah die Frau, dann Lukas, der etwas abseits stand und die Dachbalken inspizierte.
— Du, sagte sie ihm leise. — Wie hast du das alles geschafft?
— Mama, rief er, ohne sich umzudrehen. — Ich habe drei Monate trainiert. Sag mir nur, wann die Pfannkuchen fertig sind.
Sie schloss die Tür, drückte die Hände ans Gesicht, atmete tief, schlüpfte die Ärmel hoch und begann zu kneten.
Eine Stunde später stand ein langer Tisch im Hof, zusammengezimmert aus den gleichen Brettern, die in fünfzehn Minuten entstanden waren. Auf dem Tisch dampfte Kartoffelgulasch, drei Pfannen wechselten sich ab, weil kein großer Topf vorhanden war. Gurken und Tomaten lagen wie in ihrer Jugend in dicken Scheiben, und in der Mitte thronte ein Berg von dünnen, knusprigen Pfannkuchen – ihre eigenen, die einst hungrige Zehntklässler in drei Minuten verschlangen.
— Tante Liselotte, rief Sascha mit vollem Mund, er, der das Glas zerbrochen hatte. — Ich habe seit fünfzehn Jahren keinen solchen Pfannkuchen gegessen. Ehrlich.
— Ich weiß, sagte Liselotte und lächelte plötzlich breit. — Deshalb hast du bis zum Abend bei uns gesessen.
Alle lachten laut, jung und frei. Zwanzig Erwachsene, die in ihrem alten Hof lachten, und dieser Klang war das schönste Geräusch der letzten zehn Jahre.
Liselotte stand plötzlich auf, blickte über die Menge. Pascal hielt einen Löffel, Lukas wurde wachsam. Sie nahm die Kaffeekanne, goss Kompott in eine Tasse und hob sie.
— Leute, rief sie, die Stimme überraschend laut. — Ich habe heute dreimal geweint: zuerst vor Angst, dann vor Freude und zuletzt, weil ich nicht wusste, wie ich euch danken soll. Jetzt weiß ich es. Auf euch, auf jeden Einzelnen. Ich habe eure Gesichter nie vergessen, aber dachte, ihr hättet mich vergessen. Ihr habt mich nicht vergessen, also war es nicht umsonst, dass ich euch gefüttert habe.
Sie trank das Kompott in einem Zug, als wäre es ein starker Schluck. Ein kurzer Moment der Stille, dann ein donnerndes „Hurra“, das eine Krähe vom Apfelbaum weckte.
Sie ging zwischen den Gästen umher, reichte Pfannkuchen, goss Tee, lauschte den Gesprächen und spürte, dass die alte, nagende Sorge – um Lukas, seine Ehe, die Hypothek, das wenig Geld, die seltenen Anrufe – sich aufgelöst hatte. Lukas saß auf einer umgedrehten Kiste, ein Brett auf den Knien statt einem Teller, bestrich den Pfannkuchen mit Marmelade und rief: „Keine Fassaden morgen, heute nur das Giebelende fertig, sonst kommt Regen und verwischt alles.“ Und Liselotte verstand: Er war erwachsen. Er konnte zwanzig Menschen organisieren und eine Veranda bauen – für sie.
Am Abend, als die Leute zu ihren Zelten am Waldrand aufbrachen, saß Liselotte auf der alten Veranda, Lukas setzte sich neben sie.
— Wie war’s für dich? fragte er.
— Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll, flüsterte sie.
— Mama, sagte er, — das ist doch meine Art zu danken. Für alles.
Ein Schweigen folgte, dann sagte Liselotte:
— Ich dachte immer, Eltern geben, Kinder gehen und das war’s. Ich erwartete nichts. Ehrlich, Lukas. Ich wollte nur, dass du ein besseres Leben hast als ich.
— Das hast du, antwortete er. — Und jetzt will ich, dass du ebenfalls ein besseres hast. Vielleicht sogar eine Veranda.
Liselotte schmunzelte, stupste ihn an – wie früher, als er eine Zwei in Deutsch bekam und sagte: „Mama, ich bin doch kein Goethe.“
— Okay, Baumeister, sagte sie. — Morgen die Giebel.
— Die Giebel verschwinden nicht, erwiderte Lukas und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.
Eine Woche verging wie ein Tag. Am Freitagabend stand Liselotte auf ihrer neuen Veranda und sah, wie die Sonne den Garten orange färbte. Die Veranda entsprach genau dem Ausschnitt aus dem alten Magazin: hell, weit, mit Schiebetüren und dem frischen Duft von Holz. Die Bretter waren noch ungeölt, das war egal. Auf dem Fußboden lag ein alter Plaid, auf dem Fensterbrett eine Tasse Tee. Lavendel, den die Mädchen am Eingang gepflanzt hatten, duftete zart, wie ein Versprechen.
Morgen würden alle wieder gehen, doch heute saßen sie noch zusammen, lachten, tranken Tee und aßen Pfannkuchen. Liselotte erkannte plötzlich: Am meisten wünschte sie sich für jeden der zwanzig Menschen – für Pascal, der sich scheiden lässt, für Marten, dem das Haar ausfällt, für die MädchenUnd während die Dämmerung über dem Garten lag, hörte Liselotte das leise Lachen der Zukunft, das aus jedem Herzschlag ihrer Freunde hervorströmte.