– Und nimm deine Sachen und verschwinde, bevor Christina zurückkommt! – Diese scharfe, freche Frauenstimme ließ Gesa im Flur erstarren, kaum hatte sie ihre Schuhe ausgezogen.
Gesa war mitten am Arbeitstag kurz nach Hause gekommen, nur für fünf Minuten, um ihren vergessenen Reisepass zu holen. Heute Abend wollten sie und Tobias die letzte, entscheidende Anzahlung für den Kauf einer Familienbäckerei-Franchise leisten. Es war ihr gemeinsamer Traum seit drei Jahren, für den sie sich alles versagt und jeden Euro zur Seite gelegt hatten. Ohne Gesas Reisepass hätte der Notar die Unterlagen nicht angenommen.
Doch statt einer leeren Wohnung hörte Gesa fremde Stimmen. Tobias und diese Frau saßen hinter verschlossener Küchentür und stritten laut, sodass sie das Öffnen der Eingangstür nicht gehört hatten.
– Warte doch, reg dich nicht auf –, sagte Tobias. Die Stimme ihres Mannes klang gedämpft, ungewohnt leise. – Wir haben uns abgesprochen. Gib mir noch etwas Zeit. Sie weiß nichts.
– Die Zeit ist abgelaufen, mein Lieber –, schnitt die Frau ihm das Wort ab. – Entweder du klärst das heute, oder ich erzähle ihr selbst alles. Ich habe es satt, mich in Ecken zu verstecken und darauf zu warten, dass deine bessere Hälfte bereit ist, mir zu geben, was mir rechtmäßig zusteht.
Gesa fühlte, wie in ihr alles gefror. Ihre Beine wurden weich. Es kam ihr vor, als verschwände die Luft im Flur. Nach diesen Worten konnte nichts mehr sein wie zuvor. Alle Pläne, die gemeinsame Traum und die kleine Welt, die sie Stein für Stein gebaut hatten, zerfielen in einer Sekunde. Tobias hat eine andere. Und die andere verlangt entschlossene Schritte und erhebt Anspruch auf ihr Eigentum.
Gesa konnte nicht einfach hineinstürmen und eine Szene machen. Dafür hatte sie keine Kraft. Eine lähmende Angst schnürte ihr den Körper ein. Aber den Reisepass durfte sie nicht zurücklassen – ohne ihn würde der wichtige Vertrag platzen, für den sie drei Jahre geschuftet hatten.
Gesa griff vorsichtig, ganz ohne Geräusch, nach dem Pass, der auf der Kommode im Flur lag. Dann zog sie die Wohnungstür leise ins Schloss, huschte ins Treppenhaus und lief die Stufen hinunter.
Draußen kam Gesa etwas zu sich. Die erste Panik wich einer dumpfen, schweren Wut. Sie würde keine überstürzte Szene machen. Sie zog das Handy aus der Tasche und rief ihre ältere Schwester Maren an.
– Maren, kannst du gerade sprechen? – Gesa wollte ruhig klingen, aber ihre Stimme brach.
– Gesa, was ist los? Man hört es dir doch an der Stimme an –, antwortete die Schwester.
– Ich komme jetzt zu dir. Bitte sei da.
Zwanzig Minuten später saß Gesa in Marens Küche und umklammerte eine Tasse mit kalt gewordenem Tee. Maren hörte schweigend zu und schüttelte immer wieder den Kopf.
– Dieses Schwein –, platzte es aus Maren heraus, als Gesa fertig war. – Und wie er gesungen hat! Bäckerei, Familienbetrieb, gemeinsame Sache. Und dabei schleppt er eine Frau ins Haus, während du schuftest! Wer ist es, hast du eine Ahnung?
– Nein –, sagte Gesa und ließ die Schultern sinken. – Moment, richtig sehen konnte ich sie nicht, aber die Stimme … Die Stimme kam mir vage bekannt vor. Frech, selbstbewusst. Und sie sprach von Rechten auf Eigentum. Maren, will er mir etwa meinen Anteil am Geschäft nehmen? Wir haben das ganze Ersparte auf seinem Konto liegen lassen, nur damit die Überweisung bequemer ist!
– Stopp, keine Panik –, sagte Maren und schlug mit der Hand auf den Tisch. – Das Geld müssen wir vom Konto holen. Aber zuerst lass uns überlegen, wer das sein könnte. Gibt es Frauen in Tobias’ Firma?
– Da arbeiten fast nur Männer, er ist doch Meister in der Kfz-Werkstatt. Von den Frauen gibt es nur die Buchhalterin … Moment. Sabine! Sabine, seine Cousine, die vor drei Jahren nach Hamburg gezogen ist!
– Sabine? – fragte Maren skeptisch. – Quatsch. Warum sollte eine Cousine sagen: „Nimm deine Sachen und verschwinde“? Das ist doch eindeutig eine Geliebte. Gesa, das ist ernst. Lass uns Jule anrufen, die arbeitet bei der Bank und kann vielleicht verhindern, dass dein guter Mann das Konto zusammen mit seiner Angebeteten leerräumt.
Maren wählte sofort Julies Nummer, ihrer gemeinsamen Jugendfreundin. In der Küche begann eine richtige Krisenberatung. Jule hörte sich die Lage über Lautsprecher an und urteilte sofort:
– Wenn das Konto auf Tobias läuft, kann Gesa ohne seine Unterschrift nichts machen. Aber es gibt eine Möglichkeit. Der Vorvertrag für die Franchise ist doch unterschrieben, mit beiden Unterschriften. Wenn Tobias das Geld an der Transaktion vorbei abhebt, kann die Anwältin der Verkäuferfirma wegen Vertragsbruch klagen. Gesa, du musst schnell Kontakt zu deren Anwalt aufnehmen. Aber das Wichtigste: Finde heraus, wer diese Frau ist.
***
In diesem Moment begann Gesas Handy zu klingeln. Auf dem Bildschirm leuchtete Tobias’ Name. Gesa atmete tief ein, bemühte sich um Ruhe und nahm ab.
– Gesa, wo bist du? –, klang seine Stimme. Sie klang irgendwie aufgeregt. – Ich bin schon beim Notar, er wartet in einer halben Stunde auf uns. Hast du es nach Hause geschafft und den Pass mitgenommen?
– Ja, Tobias, ich habe ihn –, sagte Gesa, während sie Maren ansah und das Zittern unterdrückte. – Ich bin auf dem Weg. Treffen wir uns am Eingang vom Notariat.
– Gut, ich warte –, sagte er und legte auf.
– Fahr hin –, sagte Maren streng. – Tu so, als wäre nichts passiert. Unterschreib die Papiere. Wenn das Geld in die Sache fließt, kommt die Geliebte so schnell nicht ran. Und wir finden heraus, welche Schlange das ist.
Vor dem Notariat kam Tobias Gesa mit einem Strauß Chrysanthemen, ihren Lieblingsblumen, entgegen. Er lächelte und wirkte völlig entspannt. Das machte Gesa noch wütender. „Wie kann man so gut schauspielern?“, schoss es ihr durch den Kopf, während sie die Verträge unterschrieb. Die Transaktion war abgeschlossen. Die Franchise war gekauft, der erste Schritt zu diesem großen Ziel war getan. Aber Gesa empfand keine Freude. Nur kalte, berechnende Wut.
Am Abend entschuldigte Tobias sich mit dringender Arbeit in der Werkstatt und fuhr los. Gesa wusste: Das war ihre Chance. Sie wusste, dass Tobias in seiner Garage einen alten Laptop stehen hatte, mit dem er einen zusätzlichen Cloud-Speicher verknüpft hatte. Häufig legte er dort Arbeitskontakte und persönliche Dateien ab.
Gesa nahm ein Taxi zum Garagenhof. Der Vorwand war einfach: Sie wollte die Winterreifen für Marens Auto abholen. Der Schlüssel hing am gemeinsamen Schlüsselbund.
In der Garage roch es nach Motoröl. Gesa fand den Laptop schnell, klappte ihn auf und erstarrte. Auf dem Desktop war ein offener Messenger. Tobias hatte vergessen, sich abzumelden.
Sie öffnete den letzten Verlauf. Die Gesprächspartnerin hieß „Birte W.“. Aber Gesa erkannte das Profilbild sofort. Es war Angelika – Tobias’ Ex-Frau, mit der er sich getrennt hatte, noch bevor Gesa ihn kennengelernt hatte. Angelika war schon immer giftig gewesen, hatte jedes Glück anderer beneidet und sich an fremde Erfolge gehängt. Bei der Trennung hatte Tobias ihr fast alles überlassen, nur damit sie aus seinem Leben verschwand. Offenbar kannte Angelikas Gier keine Grenzen.
Gesa scrollte den Chat weiter nach oben, und das Bild wurde mit jeder Nachricht anders.
„Du hast versprochen, mir meinen Anteil für die Wohnung zu geben, sobald du das Geschäft startest!“, schrieb Angelika. „Deine Gesa ist mir egal. Wenn du heute keine 100.000 Euro überweist, lege ich morgen Klage auf Vermögensausgleich ein. Die Frist ist noch nicht abgelaufen. Mein Anwalt sagt, wir lassen deine Konten sperren. Deine kleine Bäckerei ist dicht, bevor sie überhaupt eröffnet hat.“
Tobias antwortete: „Angelika, hast du kein Anstand? Ich habe dir nach der Trennung das Auto gelassen und alle Ersparnisse. Die Wohnung haben wir zusammen gekauft, aber du hast keinen Euro eingebracht. Ich habe dir so sehr geholfen, wie ich konnte. Jetzt zählt für Gesa und mich jeder Euro. Lass mich die Bäckerei eröffnen, in einem halben Jahr überweise ich dir die 100.000 in Raten.“
„Nein, heute!“, lautete die letzte Nachricht von Angelika. „Oder ich komme zu ihrer Arbeit und mache ein Theater. Nimm deine Sachen aus der Garage und verschwinde aus meinem Leben, aber gib mir das Geld zurück!“
Gesa las den Text zweimal. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Es gab also keine Geliebte. Das hier war dreckige, unverschämte Erpressung von einer Ex-Frau, die von dem großen Kauf erfahren hatte und sich eine goldene Nase verdienen wollte. Sie spekulierte auf Tobias’ juristische Unwissenheit.
Und Tobias, dieser sture, stolze Mann, hatte sie nur schützen wollen. Er hatte die finanzielle Bedrohung vor ihr geheim gehalten, weil er sie nicht beunruhigen wollte. Aus diesem Grund hatte er sich heimlich mit Angelika in ihrer Wohnung getroffen – um ihr die alten Unterlagen der Wohnung zu übergeben und seine Unschuld zu beweisen.
Gesa klappte den Laptop zu. Die Anspannung, die sie den ganzen Tag gefangen gehalten hatte, ließ nach. Aber an ihre Stelle trat Entschlossenheit. Angelika handelte aus reinem Neid auf ihr Glück und ihren gemeinsamen Erfolg. Gesa würde nicht zulassen, dass diese Frau ihre Familie zerstörte.
Sie rief Maren zurück: – Maren, das mit der Geliebten ist gestrichen. Schlimmer. Die Ex-Frau taucht auf und erpresst Tobias mit einer Klage wegen Eigentums.
– Angelika? Dieser Blutsauger? –, empörte sich Maren. – Okay, Gesa, der Mann von meiner Freundin ist ein guter Zivilrechtsanwalt. Hast du die Chatverläufe fotografiert? Dann nichts wie nach Hause. Wir bringen diese Dame zur Strecke.
Zwei Tage später setzte Gesa Angelika in einem kleinen Café am Stadtrand fest. Sie hatte ihr eine Nachricht geschrieben und einen Termin genannt. Tobias wusste nichts davon.
Als Angelika hereinkam, wiegte sie selbstbewusst die Hüften und lächelte arrogant. Gesa blieb ungerührt.
– Na, sieh an, die Gattin persönlich –, zog Angelika sie auf, während sie sich gegenüber setzte. – Hat Tobias also doch geplaudert?
– Tobias hat damit nichts zu tun –, sagte Gesa ruhig und legte einen dicken Schnellhefter auf den Tisch. – Das ist ein Ausdruck deiner Unterhaltung mit meinem Mann. Dazu eine Strafanzeige wegen Erpressung. Und das hier ist eine Kopie unseres Ehevertrags mit Tobias und ein Auszug aus dem Grundbuch.
– Die Wohnung, um die es dir geht, hat Tobias vor eurer Ehe gekauft – vom Verkauf seines vorehelichen Studios. Du bist dort nicht einmal gemeldet. Mein Anwalt hat alles geprüft. Kein Gericht wird sein persönliches Vermögen pfänden. Und du bekommst keinen Anteil. Du hast nur geblufft, in der Hoffnung, Tobias hätte Angst um die Bäckerei und gibt dir unser Familienvermögen.
Angelikas Gesicht verzog sich augenblicklich vor Wut. Der ganze Dünkell war verflogen.
– Glaubst du, du bist schlau? –, zischte sie. – Ich mache euch das Leben zur Hölle.
– Das wirst du nicht –, Gesa sah ihr direkt in die Augen. – Wenn du dich meinem Mann noch einmal näherst, ihm eine Nachricht schreibst oder in der Nähe unserer Bäckerei auftauchst, geht diese Anzeige direkt zur Staatsanwaltschaft. Rechtlich bist du niemand. Und jetzt gehst du aus unserem Leben. Sofort. Und für immer.
Angelika schnappte ihre Handtasche, sprang auf und rannte fast aus dem Café, ohne sich zu verabschieden. Sie wusste, dass sie auf allen Ebenen verloren hatte.
Am Abend kochte Gesa ein Festmahl. Als Tobias müde von der Arbeit nach Hause kam, ging sie zu ihm, legte die Arme um seine Schultern und legte den Schnellhefter auf den Tisch.
– Gesa … Was ist das? – Tobias sah überrascht von den Papieren zu seiner Frau. – Woher hast du das?
– Ich weiß alles, Tobias –, sagte Gesa sanft. – Von Angelika und ihren Drohungen. Ich habe euren Streit gehört, als ich kurz den Reisepass holen war. Zuerst habe ich mir gedacht, weiß der Himmel was, aber dann haben wir uns darum gekümmert. Die Sache mit Angelika ist erledigt. Sie wird uns nicht mehr belästigen. Marens Anwalt hat alles geprüft, ihre Ansprüche sind leer.
Tobias schwieg mehrere Minuten. Er legte die Hände vors Gesicht, und als er den Kopf wieder hob, las sie in seinem Blick eine stille Dankbarkeit und Erleichterung.
– Verzeih mir –, sagte er leise. – Ich bin ein Idiot. Ich wollte das selbst regeln, dich da raushalten. Ich hatte Angst, dass du dich erschrickst oder glaubst, ich würde hinter deinem Rücken etwas drehen.
– Wir sind doch eine Familie, Tobias –, lächelte Gesa, setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. – Ab jetzt lösen wir alles gemeinsam. Ohne Geheimnisse.
Zwei Wochen später war es so weit: die offizielle Eröffnung ihrer Bäckerei. Gesa stand selbst an der Kasse, Tobias räumte frische Brötchen in die Auslage, und Maren und Jule halfen hinter dem Tresen und nahmen Bestellungen der ersten Kunden entgegen. Am Abend war das ganze Gebäck verkauft. Gesa setzte sich an den Tisch, um den ersten Erlös zusammenzuzählen. Tobias trat hinter sie, legte die Hände auf ihre Schultern und fragte leise:
– Na, Chefin, sind wir im Plus?
Gesa zählte die Scheine, steckte sie in die Kasse und lächelte:
– Sind wir, Tobias. Für die Miete im nächsten Monat reicht es locker, und obenauf bleibt noch etwas. Schreib Maren, sie soll zum Abendessen vorbeikommen. Wir feiern unseren ersten Arbeitstag.