Rentnerin Gerlinde (eigentlich Gerlinde, aber alle nannten sie gern Geli) stöhnte schwer und drehte sich mühsam auf die andere Seite. Ihre Gelenke schmerzten, die Beine waren ganz geschwollen. Sie hatte keine Kraft mehr für Arztbesuche, keine Lust auf neue Medikamente und Behandlungen.
Sie lebte allein in einer netten Altbauwohnung in Nürnberg, war nie verheiratet gewesen. Ihren Sohn hatte sie vor Jahrzehnten mit ihrer ersten großen Liebe bekommen. Plötzlich klingelte es an der Tür. Ganz langsam schleppte sie sich hinüber und öffnete.
Vor ihr standen ihr Sohn, Thomas, mit seiner Frau, Heike. Neben ihnen der vierjährige Enkel, Bastian, drückte fest ein kleines Spielzeugauto, und daneben: ein Riesenvieh von Hund.
Mama, keine Sorge, geht schnell. Wir müssen gleich weiter. Basti und Frikadelle bleiben für fünf Tage bei dir. Wir sind wirklich bald zurück, ja?, sagte Thomas atemlos.
Aber Ich bin krank, ich kann doch kaum laufen, brachte Geli kaum heraus und lehnte schwer am Türrahmen.
Heike versuchte zu lächeln, schluckte aber Tränen. Wir hätten dich nie gebeten, ehrlich. Aber Kind und Hund acht Stunden nach Bremen im Auto, das können wir nicht machen Und meine Mama, weißt du Sie ist letzte Woche gestorben
Bastian begann prompt zu weinen, und selbst der Hund sah sie traurig an. Geli wurde klar: Da muss ich wohl durch. Irgendwie!
Die Krankheit hatte sie vor einem halben Jahr erwischt.
Gerlinde war gerade mal 60 geworden. Auf der Straße begegnete sie so vielen Rentnerinnen mit ihren Gehstöcken. Es reicht ein Moment, und das Leben stellt alles auf den Kopf.
Ihr war auch bewusst, dass Heikes Mutter, Frau Irmgard, schwer erkrankt war. Heikes Vater, Herr Karl, war schon lange tot. Und jetzt, so plötzlich, war auch ihre Schwiegermutter nicht mehr da. Sie war sogar jünger als Geli selbst.
Thomas und Heike waren schon wieder auf dem Weg. Nun saß Geli mit ihren Schmerzen, blickte auf den Enkel und den Hund.
Der Enkel klammerte sich an das riesige Tierlein, der Hund schleckte ihm über das Ohr.
Bastian Beißt er nicht? Wieso muss es so ein Riesentier sein, nicht wenigstens ein Pudel? Was ist das überhaupt?, fragte Geli unsicher.
Das ist ein deutscher Boxer, Oma! Er heißt Frikadelle. Der ist lieb!, sagte der Junge stolz.
Und Mit dem muss man doch Gassi gehen? Geli griff sich ans Herz.
Katzen hatte sie mal gehabt, aber das war Ewigkeiten her. Erfahrung mit einem Hund? Null.
Sie dachte traurig an die Eltern von Heike. Trauern, Abschied, manchmal kommt alles auf einmal. Aber wie sollte sie mit ihren Zipperlein und diesem kleinen Wildfang und dem Muskelpaket klarkommen?
Wir müssen ihn füttern, der mag Fleisch. Und Brei, und sowieso alles. Komm, Oma, es ist Zeit für den Spaziergang!, rief Bastian und war bereits an den Gummistiefeln.
Geli weiß heute nicht mehr mal, wie sie rausgekommen ist. Bastian drückte ihr die Leine in die Hand, er griff die andere und los gings.
Draußen war sie seit einer Woche nicht mehr gewesen zu schwach, aber jetzt ging es nicht anders. Unter Schmerzen, mit Tränen in den Augen. Was sollte sie tun? Sie betete still, dass sie durchhielte. Außer ihr war ja niemand da und Bastian und Frikadelle brauchten sie jetzt!
Frikadelle benahm sich tadellos. Hat nie an der Leine gezerrt, ignorierte kläffende Nachbarshunde.
Sogar Respekt wuchs in Geli, und ein bisschen Stolz, als sie die Nachbarinnen passierten, die auf der Bank vor dem Haus schon wieder das Neueste austauschten.
Sag mal, hast du Besuch? Dabei hast du doch erzählt, dass du krank bist! Wie willst du denn mit Kind und Hund klarkommen? Du wirst noch umfallen, arme Kerl. Kleiner, was willst du denn bei der Oma? Sie hat doch Mühe, selbst Und den Hund schleppt ihr auch noch an! Haben deine Eltern keinen Funken Anstand mehr?, rief Frau Meier, Klatschbase vom fünften Stock, extra laut.
Geli spürte, wie Bastians Hand an ihrer zitterte. Sogar Frikadelle schaute vorwurfsvoll.
Ach haltet doch die Luft an! Euch bringt ja keiner Enkel zum Verwöhnen, deswegen seid ihr sauer! Ich wollte Basti extra haben! Und von wegen krank mir gehts gut. Und Frikadelle ist Pokalsieger, na stellt euch das mal vor! Alles andere ist doch euer dummes Geschwätz. Mein Sohn ist übrigens auf Beerdigung, nicht im Urlaub!, rief Geli trotzig und schritt tapfer weiter, die Schmerzen vergessend.
Im Aufzug nahm sie Bastian in den Arm. Hör nicht hin, Basti! Ich bin immer für dich da.
Oma Fliegst du auch zum Himmel? Wie Oma Irmgard? Mama hat gesagt, sie ist jetzt dort. Nur Opa war schon da, sie ist da ohne dich hab ich gar niemanden mehr. Du gehst nicht weg, oder? Lass mich nicht allein, Oma, ich hab dich so lieb!, schluchzte Bastian an ihrem Bein.
Ach, Quatsch, mein Herz! Ich bleib hier du wirst mich noch satt haben! Ich werd dich zur Schule bringen, zum Abi begleiten, und sogar zum Bund! Immer für dich da, versprochen!, drückte sie ihn fest.
Obwohls kaum ging, kochte sie Abendbrot. Irgendwie schaffte sie den Einkauf. Gassi wurde zur Abendroutine und Frikadelle stolzierte brav nebenher.
Als Basti und der Hund schliefen, nahm sie ihr Schmerzmittel. Ihr Körper fühlte sich an, als hätte sie Wurzeln ausgehoben. Aber sie wusste: Es geht nur mit ihr. Bastians Tränen klangen noch in Ohren.
Lieber Gott, hilf mir! Lass den Schmerz leichter werden. Für Basti, nicht für mich, flüsterte sie.
Nächsten Tag spielten sie Autorennen, Geli kroch mit auf dem Parkett wann sie das zuletzt gemacht hatte, wusste sie nicht mehr. Zusammen kochten sie Grießbrei. Am Nachmittag badeten sie Frikadelle, der sich in den ersten Frühjahrespfützen gewälzt hatte.
Auf einmal gab Geli Frikadelle ein Küsschen.
Warum hab ich eigentlich gedacht, dass der furchteinflößend ist? So ein hübsches, kluges Tier. Ein echter Glücksgriff!, lachte sie.
Bastian, warum heißt er Frikadelle?, fragte sie neugierig.
Der Junge prustete los. Weil er Frikadellen liebt! Eigentlich heißt er was mit F, das war ein komplizierter Name, aber Frikadelle ist schöner!
Die Tage flogen nur so! Sie lasen Märchen, und Bastian zeigte seiner Oma, wie man welche auf dem Tablet anschaut.
Buchstaben lernten sie, der aufgeweckte Junge bastelte schon erste Wörter. Frikadelle schlief lieber im Ohrensessel und bettelte um Eis oder Käse.
Eines Abends rief Thomas an. Mutti, wie geht es dir? Tut uns so leid, wir konnten wirklich nicht anders. Es dauert noch mal zwei Tage. Ich versteh gar nicht, wie du das mit Bastian und dem Hund schaffst. Wohin hätten wir sie sonst bringen sollen
Komm, nicht übertreiben! Ich bin Oma, das gehört dazu! Bleibt ruhig noch. Unterstütz Heike, Gott weiß, wies ihr ohne die Mutter geht. Und was meine Gesundheit angeht ehrlich, mit ein bisschen Mut geht alles!, entgegnete Geli zuversichtlich.
Als Thomas und Heike endlich heimkamen, hatten sie Sorge im Kopf: ihre kranke Mutter, wie mochte es Geli trotz all dem mit Kind und Hund ergangen sein?
Heike staunte. Thomas, schau das ist doch deine Mutter? Die die rennt ja wirklich?!
Und tatsächlich mitten auf dem Hof jagte Geli leichtfüßig einem Ball hinterher, lachte, dicht gefolgt von Bastian und Frikadelle.
Als es Zeit wurde zu gehen, klammerte Bastian sich heulend an seine Oma.
Basti! In zwei Wochen komm ich dich besuchen, ja? Dann gehen wir ins Café, fahren Karussell! Versprochen!, sagte Geli und nahm ihn lachend auf den Arm mit Armen, die vor Kurzem noch nicht mal eine Kaffeekanne halten konnten.
Mum, er ist doch schwer!, rief Thomas.
Ach, das macht mir jetzt nichts mehr! Warte auf mich, Bastian! Ich komm bald wieder. Auch zu dir, Frikadelle! Wir machen wieder große Spaziergänge!, zwinkerte sie dem Hund zu.
Weißt du, Geli ist meine Nachbarin und hat mir das erzählt. Sie konnte wirklich kaum laufen und jetzt läuft sie wie ne Eins. Alle im Viertel könnens gar nicht glauben.
Gerettet haben mich Bastian und Frikadelle. Klar, manche Zipperlein bleiben aber das ist nicht der Rede wert. Wer immer nur im Bett liegt, wird nie wieder fit! Selbstmitleid bringt auch nix, damit gehts nur abwärts.
Nicht immer helfen Ärzte und Tabletten manchmal hilft die Liebe mehr! Ich habe mich gefragt: Wer kümmert sich denn, wenn ich aufgeb? Der Junge, der Hund die brauchen mich! Darum bin ich aufgestanden. Und plötzlich gings! Weil ich gebraucht werde!
Man muss einfach wissen, wofür man lebt! Egal, wie schwer es ist steht auf! Geht raus! Für die kleinen Kinderhände eurer Enkel, für eure Lieben, für eure Tiere. Betet, reißt euch zusammen. Es gibt nichts, was wir Menschen nicht schaffen könnten, wenns drauf ankommt. Und dann genießt das Leben so sehr ihr könnt!, rät Geli immer lachend allen im Haus.
Falls du mehr solcher Geschichten hören willst, lass mir gern mal einen lieben Kommentar da. Das motiviert mich und Geli, weiterzuschreiben!