Heiraten wegen KlaraDoch als das Hochzeitsfest begann, erkannte sie, dass die Liebe zu Klara nur ein Vorwand war und ihr Herz nach Freiheit verlangte.

Liebes Tagebuch,

heute ließ mich das Schicksal wieder ganz in die Erinnerung zurückkehren an den Tag, an dem das unbeschwerte Glück meines kleinen Cousins Klaus ein abruptes Ende fand. Er war gerade fünf, als seine Eltern plötzlich nicht mehr zum Kindergarten in BerlinMitte erschienen. Alle anderen Kinder waren bereits abgeholt, nur Klaus saß noch am Tisch und kritzelte ein Bild von sich, seiner Mutter und seinem Vater. Die Erzieherin, Frau Schmitt, wischte immer wieder besorgt die Wangen des Jungen ab und flüsterte ihm schließlich:

Egal, was passiert, du darfst nicht ängstlich sein, Klaus. Du musst stark werden. Hast du das verstanden, mein Kleiner?

Ich will zu Mama, hauchte er.

Gleich kommen Tante Anna und Onkel Peter. Du gehst mit ihnen, dann bist du nicht mehr allein. Dort gibt es viele andere Kinder, weine nicht. Sie drückte ihr nasses Gesicht noch ein Stückchen an sein.

Kurz darauf wurden sie an der Hand geführt, zum gelben VWKleinwagen, der vor dem Haus parkte. Auf die Frage, wann er wieder zu seiner Mutter zurückkehren würde, hieß es nur, dass seine Eltern weit entfernt seien und heute nicht kommen könnten. Klaus wurde in ein Gemeinschaftszimmer mit anderen Jungen gelegt. Doch weder am nächsten Tag noch am darauffolgenden Nachmittag kam jemand, um ihn abzuholen. Die Nächte vergingen mit endlosem Weinen, das ihn fiebrig machte.

Erst nach seiner Genesung kam die Krankenschwester in der weißen Kittel, Frau Dr. Müller, zu ihm und erklärte ernst: Deine Eltern sind jetzt sehr weit weg im Himmel. Sie können nicht herunterkommen, aber sie schauen immerzu zu dir. Jeder weiß von dir, also sei brav und werde nicht krank, damit sie nicht traurig werden. Klaus glaubte das nicht. Er blickte zum Himmel, sah nur Vögel und Wolken, keine Gestalten. Er beschloss, sie zu finden.

Er durchkämmte den Hof bei jedem Spaziergang, bis er schließlich hinter einem Strauch eine kleine Lücke im rostigen Gartenzaun entdeckte. Der Spalt reichte nur zur Hüfte, also begann er, mit bloßen Händen einen Tunnel zu graben. Der lockere, sandige Boden ließ das Vorankommen leicht. Nach Stunden schuf er ein größtes Loch zwischen den Stäben, kroch hindurch und befand sich plötzlich im Freien.

Wie ein entflohener Vogel stürzte er sich von der Einrichtung, die die anderen Kinder Heim nannten. Doch die Stadt war ihm fremd, und er verlief sich schnell. Alle Häuser sahen gleich aus. Auf einer Fußgängerzone erblickte er plötzlich eine Frau im gepunkteten Kleid, deren Haar zu einem ordentlichen Knoten zusammengebunden war sie sah aus wie seine Mutter. Mama!, rief er, doch sie hörte ihn nicht.

Er packte nach ihr, die sich umdrehte, kniete nieder und sah ihn aufmerksam an. Ich bin nicht deine Mutter, sagte sie leise. Ihre Stimme war die von Frau Liesel, einer alleinerziehenden Sozialarbeiterin, die gerade von einem Kurs in Hamburg zurückgekehrt war.

Liesel selbst hatte vor vielen Jahren in Berlin die Liebe zu Wolfgang gefunden ein junger Ingenieur, den sie auf einem Sommerball im Volkspark Friedrichshain kennenlernte. Er kam schüchtern zu ihr, bot ihr einen langsamen Tanz an, und sie plauderten, bis die Musik verklang. Drei Monate später standen sie unter dem Eichenbogen der Stadtkirche und sagten Ja. Das Glück schien unerschütterlich, bis drei Jahre später Liesel erfuhr, dass sie keine Kinder bekommen könne. Wolfgang war verzweifelt, und sie beide verbrachten unzählige Monate in Kurorten der Harzregion, auf der Suche nach einem Heilmittel. Schließlich akzeptierten sie die Unfruchtbarkeit, und Wolfgang schlug vor, ein Kind aus dem Kinderheim St. Marien zu adoptieren.

Liesel liebte Wolfgang so sehr, dass sie ihm die Scheidung vorschlug, damit er eine neue Partnerin finden könnte, die ihn glücklich machen würde. Wolfgang weigerte sich jedoch, und Liesel fasste einen verzweifelten Plan: Sie behauptete, einen Liebhaber zu haben, damit er sie gehen lasse. Wolfgang glaubte ihr nicht, doch als er eines Morgens das Haus verließ, fand er ein Glas Rotwein und ein HerrenAftershave auf dem Nachttisch. Er folgte den Spuren zu einem Café, wo er Liesel beim Abschied von einem vermeintlichen Liebhaber sah. Das Gespräch endete mit der Bitte um Scheidung.

Während all dessen wanderte der kleine Klaus, nun schon ein wenig älter, durch die Straßen und rief nach seiner Mutter. Zwei Monate nach Lisels Scheidung hörte er eine fremde Stimme: Was ist los, Kleiner? Hast du dich verlaufen? Die Stimme gehörte Liesel. Ihr Herz hämmerte, als sie den Jungen sah.

Ich suche meine Mama und meinen Papa. Man hat mir gesagt, sie seien im Himmel, aber ich glaube das nicht, schluchzte Klaus.

Komm mit, ich wohne gleich hier. Ich habe frische Zimtschnecken und Johannisbeerkuchen. Willst du welche?, bot sie ihm an und nahm ihn an der Hand.

Zuhause verschlang Klaus die süßen Teilchen, die Liesel von ihrem Weg mitgebracht hatte, und trank dabei heißen Kräutertee mit Johannisbeeren. Er erzählte ihr, dass ihm ältere Kinder im Heim das Essen weggeschnappt und ihn manchmal gequält hatten. Liesel fühlte tiefe Mitleid und fragte:

Klaus, willst du bei mir wohnen? Wenn du größer bist, wirst du alles verstehen und vielleicht deine Eltern wiedersehen aber das wird noch etwas dauern. Klaus nickte.

Sie rief im Kinderheim an, meldete den Fund und verhandelte mit den Erziehern, dass künftig mehr Aufsicht über die Kinder kommen solle. Jeden Tag besuchte sie das Heim, doch das Gesetz ließ ihr wegen fehlender Ehepartner keine Adoption zu.

Liesel hatte eine Wohnung, einen sicheren Job bei einer Werbeagentur, aber keinen Mann. Sie dachte an einen Schein­heirats­vertrag mit ihrem Kollegen Stefan, einem frisch geschiedenen Rechtsanwalt, der zwar ein Frauenheld, aber ein äußerst kompetenter Fachmann war. Stefan stimmte zu, jedoch nur gegen Zahlung einer Gebühr. Liesel war verzweifelt, doch das Geld schaffte sie mit einem Darlehen.

Kurz darauf entdeckte sie bei Klaus ein blaues Auge ein älterer Junge hatte ihn bestraft, damit er nicht schnatterte. Die Erzieher berichteten Liesel, dass sie über den Vorfall mit Stefan gesprochen hatten. Liesel verstand, dass ihr Handeln das Kind weiter belasten könnte.

Sie willigte ein, Stefan zu heiraten. Am Samstag bereitete sie ein Abendessen vor, zog ein rotes Dirndl an Steffans Wunsch zündete Kerzen an und wartete. Während sie die Tür öffnete, stand plötzlich ihr ExMann Wolfgang vor ihr.

Lisel, wir müssen reden. Ich habe dich die ganze Zeit beobachtet. Er gestand, dass er sie nie verlassen hatte. Im selben Moment öffnete sich der Aufzug, und Stefan stürmte hinaus, ein Blumenstrauß und eine Flasche Champagner in den Händen.

Lisel, ich bins! rief er. Wolfgang errötete, ballte die Hände, wandte sich jedoch schweigend ab und sprang in die Straßenbahn.

Lisel stand mit Tränen im Gesicht, während Stefan das Haus verließ. Ihr Herz war zerrissen, denn nun war nicht klar, was mit Klaus geschehen würde.

Zwei Jahre später stand Klaus stolz in der Schultreppe seiner Grundschule in Köln, im ordentlichen Schulanzug, eine große Blumenstrauß für die Lehrerin in den Händen. Seine Eltern, Liesel und Wolfgang, standen hinter ihm, zusammen mit seiner kleinen Schwester Marlies, die fröhlich mit dem Vater herumtollte. Neben ihnen lebte noch ein weiteres adoptiertes Kind, das sie gemeinsam aufgenommen hatten.

Stefan hatte sich als kein Schurke erwiesen; er hatte mit Wolfgang gesprochen und alles geklärt. Kurz darauf fuhr Wolfgang zu Lisels Büro, zog sie hinter das Rathaus und ließ sie dort heiraten, damit sie endlich Klaus offiziell adoptieren konnten. Seitdem besuchen sie regelmäßig das Kinderheim, bringen Geschenke und Süßigkeiten mit, und Marlies wurde sofort aufgenommen, sobald sie dort ankam.

Klaus, nun ein stolzer Erstklässler, flüsterte beim Blick gen Himmel: Mama, Papa, ich verspreche, gut zu lernen. Bitte seid nicht traurig, dass ich jetzt andere Eltern habe. Ich liebe sie, aber sie sind nur vorübergehend, bis ich euch wiedersehe. Er erinnerte sich, dass seine leiblichen Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen; ihr Grab stand auf dem Friedhof im Stadtteil Neukölln. Sonntags besuchte er die Sonntagsschule in der St. MichaelisKirche und verstand endlich, dass das HimmelGefühl nicht nur ein fernes Konzept, sondern eine Nähe im Herzen war.

Lisel hatte anfangs nicht geglaubt, dass Wolfgang sie noch einmal lieben könnte, doch das Schicksal führte sie doch wieder zusammen. Heute leben wir glücklich, und ich habe gelernt: Das Leben wirft oft unerwartete Wege vor uns, doch wahre Verbundenheit entsteht nicht nur durch Blutsbande, sondern durch die Entscheidungen, die wir mutig treffen.

**Persönliche Erkenntnis:** Wer bereit ist, sich selbst zu opfern und zu vertrauen, findet am Ende ein Zuhause nicht nur für sich selbst, sondern auch für jene, die verloren schienen.

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