Der Storch, der mich damals auf dem Weg zu meinen Eltern absetzen sollte, war eine rechte Fehlbesetzung schielend wie sonst keiner. Kein Wunder, dass er mich am Waisenhaus fallen ließ, als wäre ich ein zerzaustes Huhn. Und ab da lief alles quer.
Erst mit vierzig konnte ich mich langsam aus dem Loch ziehen, in das mich der sonderbare Vogel geworfen hatte. Ich baute ein Haus, nahm mir eine Frau, kaufte mir gebraucht zwar einen Wagen. Es fehlte nur noch, etwas einzupflanzen und jemanden großzuziehen.
Einen würden wir gemeinsam großbekommen, Ulrike und ich. An mehr hatten wir nie gedacht. Gerade daran, ans Pflanzen, ans Wachsen und an diesen mistigen verregneten Morgen dachte ich, während ich meinen Kaffee aufbrühte. Die Familienunterhosen baumelten im Luftzug die hatte ich mir übrigens viel früher zugelegt als die Familie selbst. Welch Ironie des Lebens.
Da klopfte es ans Balkonfenster. Kinder? Die Dresdner Bengel jagten wieder Tauben mit Steinen, dachte ich. Ein Storch bräuchte man für euch, Lümmel!
Es klopfte erneut, dann ein drittes Mal. Wer war denn da? Immerhin, dritter Stock.
Ich schob die Gardine beiseite und da stand er, der schielende Storch aus meinen Kindheitsträumen, tappte nervös auf dem Balkon.
Verschwinde, du Vieh!, rief ich erschrocken, der Toast stürzte im hohen Bogen vom Tisch.
Johann, verzeih mir, der Storch schob seinen langen Kopf durch den Spalt der geöffneten Balkontür, ich gestehe, ich hab’s verbockt. Zupf ruhig nimm lieber den rechten Flügel, der ist kräftiger.
Hau ab, sagte ich und versuchte, den langen Hals wieder auf den Balkon zu schieben. Ich packte ihn mit beiden Händen.
Johann, mach doch keinen Unsinn, krächzte der Storch, hör zu, was ich zu sagen hab!
Jetzt wird auch noch geredet, fuhr ich auf, gleich mach ich ‘ne Schleife aus dir, du Lump!
Mit Entschuldigung komm ich…
Viel zu spät, Schnabeltier.
Da klingelte es. Ulrike war da.
Mach, dass du wegkommst!, warf ich dem Storch zu, schob ihn endgültig hinaus. Und sei verschwunden, wenn ich zurückkomme!
Automatisch drehte ich mich um und lief zur Tür.
Vergib mir, Johann, hörte ich den Storch noch durch das offene Fenster, vergib mir. Ich hab alles wieder gutmachen wollen.
Ulrike stürmte lachend und nass vom Regen herein, die Haare klebten ihr an den Wangen, die Augen leuchteten. Hatte sie dem Storch etwa auch begegnet?
Ehe ich ein Wort sagen konnte, schleuderte sie den Schirm in die Ecke und fiel mir um den Hals.
Vier! Vier!, rief sie so laut sie konnte.
Was vier?, starrte ich sie verständnislos an.
Wir bekommen Vierlinge!, jubelte Ulrike. Vier kleine Racker mit einmal!
In dem Moment verband ich die Entschuldigung des Storchs mit unserer plötzlichen Vierlingsnachricht. Ich stürmte auf den Balkon gerade noch sah ich den schielenden Storch abheben. Ich griff nach seinem Schwanz, erwischte ihn aber nicht mehr.
Steh still, du Kerl!, rief ich ihm hinterher. Warte, du Schnabelgesicht!
Von oben kam nur noch: Wiedergutgemacht!
Ich drehte mich um. Da stand Ulrike hinter mir. Sie weinte vor Glück.